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Efeu, der gemeine

Ein saftiges Grün in dunkler Ecke, dazu der erhobene Zeigefinger von Mutti: „Bloß nicht anfassen, das ist giftig!“ Die Rede ist natürlich vom gemeinen Efeu, Hedera Helix, in Deutschland quasi an jeder Ecke zu finden. Der gemeine, auch gewöhnliche Efeu ist der in Mitteleuropa am weitesten verbreitete Zweig der Gattung Efeu (Familie der Araliengewächse) und zugleich ein durchaus umstrittenes Gewächs. So findet man die immergrüne Pflanze doch gerne auf Friedhöfen, alte Gräber überwuchernd oder an Hauswänden, von der die Kletterpflanze nur mit Mühe und unter Unmutsbekundungen der Hausbesitzer_innen zu entfernen ist. In der Antike war die Beziehung zum Efeu eine positive. Für die Götter galt er als Symbol für feuchtfröhliche Gelage – die Häupter von Bacchus oder Dionysos wurden nicht selten mit Efeublättern umkränzt dargestellt –, die Christen hingegen sahen die ganzjährig grüne Pflanze als Zeichen für Treue und Unsterblichkeit. Und nicht nur das, die ersten unter ihnen betteten gar ihre Toten auf die immergrünen Efeublätter. Für die Sepulkralkultur waren jene Blätter, die symbolträchtig des Weiteren für Treue und Beständigkeit standen, auch in der Folgezeit bedeutend. Sie wurden zur Sargdekoration genutzt oder etwa als Schnitzmuster für Leichenwagen verwendet.

In der Grabbepflanzung war Efeu lange so typisch, dass er noch in den 1920er und 1930er Jahren in keinem Garten oder Balkon Verwendung fand, die Assoziation mit dem Tod war den Gärtner_innen zu stark. Erst in Treibhäusern vorgezogene weitere Pflanzen wie Erika und Silberblatt bildeten Alternativen zu der immergrünen Grabbepflanzung Efeu und eine der Jahreszeit entsprechende florale Schmückung.

Efeu ist also gleichbedeutend mit dem menschlichen Ende? Weit gefehlt! Die Medizin setzt auf die hübsch geformten Blätter, um das Leben von Patient_innen zu verlängern bzw. zu erleichtern. 2010 bekam der gemeine Efeu dann auch endlich die Anerkennung, die er verdient, und wurde zur Arzneimittelpflanze des Jahres gekürt. Bei Atemwegsentzündungen und Keuchhusten verschafft die bis zu 20 Meter hoch wachsende Pflanze Linderung, indem ihre Extrakte in Tees, Hustensäften oder Tropfen Verwendung finden. Und auch den Insekten ist der Efeu äußerst sympathisch. Im September, wenn die Nahrungsressourcen schon knapp werden, fängt der Efeu erst an zu blühen.

Quellen:

Emmerich, Robert: Efeu ist Arzneipflanze des Jahres 2010. Pressemitteilung der Julius-Maximilians-Universität Würzburg vom 19.11.2009 online unter https://idw-online.de/de/news344881

May, Helge: Herbstlicher Lebensspender. Blühenden Efeu nicht beschneiden online unter: https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/pflanzen/pflanzenwissen/11635.html

Melzer, Martina: Efeu. In: Apotheken-Umschau, Heilpflanzen-Lexikon. Aktualisiert am 20.09.2012 online unter: http://www.apotheken-umschau.de/heilpflanzen/efeu

Schweizer, Johannes: Kirchhof und Friedhof. Eine Darstellung der beiden Haupttypen europäischer Begräbnisstätten. Linz (Donau) 1956

Sörries, Reiner: Großes Lexikon der Bestattungs- und Friedhofskultur. Wörterbuch der Sepulkralkultur. Braunschweig 2002

von Milena Rabe

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