Aus dem Garten auf den Teller

Eine empirische Studie über vegane Ernährung und Selbstversorgung

Es gibt zahlreiche Gebiete in unserem Alltag, durch die wir unsere Identität formen, gestalten und schlussendlich erleben können. Unser Einrichtungsstil kann vieles darüber erzählen, wer wir sind. Unsere Kleidung kann dazu beitragen, wie wir wahrgenommen werden. Hobbys und Freizeitaktivitäten fungieren nicht nur zum Abbau von Stress, sondern kreieren unser individualisiertes Charakterprofil. Somit trägt auch unser alltägliches Essverhalten dazu bei unsere Persönlichkeit zu determinieren und für andere sichtbar zu machen: „Es geht dabei längst nicht mehr nur um die Befriedigung lebenswichtiger physiologischer Grundbedürfnisse, sondern vermehrt um Identitätssicherung, soziale Unterscheidung, ästhetischen und sinnlichen Genuss.“ Ernährungstrends kommen und gehen, wie sämtliche temporäre gesellschaftliche Strömungen. Die aktuelle vegane Bewegung jedoch scheint hinsichtlich der globalen Ernährungskrise erstmals die Kluft zwischen dem, was gerade angesagt ist und dem, was gerade notwendig erscheint, zu überwinden. Dabei rückt die Wahl der Lebensmittel in den Fokus der Aufmerksamkeit. Woher können ernährungsbewusste Menschen, die naturbasiert leben und auch so speisen möchten, ihre Lebensmittel mit bestem Wissen und Gewissen beziehen?

Im Rahmen einer kleinen empirischen Studie habe ich einen jungen Mann interviewt, der sich bewusst für eine vegane Ernährung entschieden hat. Er ist 24 Jahre alt und lebt in der Gemeinde Wachtberg. Den Großteil seiner Lebensmittel bezieht Tom aus seinem eigenen Garten. Ich habe ihn bei einem öffentlichen veganen Picknick in Köln kennengelernt, vor Ort interviewt und ihn nach drei Monaten bei sich zu Hause besucht, um mir selbst ein Bild seines Selbstversorger-Gartens machen zu können. Dort fand dann auch das zweite Interview mit ihm statt. Ziel meiner Untersuchung ist es, folgenden Fragen nachzugehen; wie lässt sich Toms vegane Ernährung charakterisieren? Welche Rolle nimmt der eigene Garten in Hinblick auf die Selbstversorgung ein? Und welche Bedeutung hat der soziale Aspekt seines alternativen Lebensstils für ihn?

Denn du bist, was du isst

Die Auswahl der Nahrungsmittel geschieht, aus kulturanthropologischer Sicht betrachtet, neben der physiologischen vor allem auch auf der persönlichen Ebene. Im Rahmen dieser Studie befrage ich einen jungen Mann, der sich selbst die Frage nach einer „richtigen“ und „gesünderen“ Lebensweise stellt und seine Ernährung an seine persönlichen Wertvorstellungen angepasst hat. Essen scheint für ihn oftmals zu Selbstoptimierung und Selbstvergewisserung hilfreich und somit auf eigene Vorlieben, Werthaltungen und moralische Grundsätze zugeschnitten zu sein. Die Selbstverwirklichung ist dabei die Aufgabe, die uns einerseits zu diesen individuellen Zielsetzungen und Lebensgestaltungen befähigt, andererseits aber auch zwingt. Dies führt dazu, dass sich Konsument_innen bei der Wahl der Nahrungsmittel nicht nur mit körperlichen Bedürfnissen auseinandersetzen, sondern täglich der Frage ausgesetzt sind: Wer möchte ich sein? Diese Prozesse der Individualisierung führen zu einer Aufrüstung der kulinarischen Standards. Das breitgefächerte Speisenrepertoire kann dabei förderlich für Aufkommen und Verbreitung alternativer Ernährungsformen sein – wie beispielsweise die roh-vegane, welche lediglich rohe pflanzliche Lebensmittel in den Speiseplan mit aufnimmt und sich in Großstädten mehr und mehr verbreitet. Doch selbst innerhalb einer solchen spezifischen Präferenz der Nahrungsselektion gibt es zahlreiche Untergruppen, die ihre eigenen Ernährungsphilosophien entwickelt haben. Ein Beispiel hierfür ist die Ernährungsform High Carb, nach der Akteur_innen kohlenhydratreich und möglichst fettfrei essen. Die Tatsache, dass wir es hierbei mit einem Ernährungs-Pluralismus zu tun haben, zeigt auf, inwieweit die Wahl der Speisen eine identitätsstiftende Funktion besitzen kann.

Tom sucht bei der Wahl seiner Lebensmittel in jeglicher Hinsicht nach möglichst naturnaher und unverarbeiteter Kost:

„Also naja, es ist eh am besten so wenn du dich naturbasiert ernährst. Halt wenn du nur Obst und Gemüse isst ist es klar, dass du gesünder bist, als wenn du nur Pizza und Verarbeitetes und sowas. Du kannst bestimmt auch vegan und ungesund leben. Also wenn du wirklich nur verarbeitete Sachen isst, nur Sojaprodukte und sowas. Dann kannst du auch ungesund vegan leben.“

Er differenziert dabei zwischen verschiedenen veganen Ernährungsvarianten und sortiert die breite Palette der veganen Fertigprodukte und anderen verarbeiteten Lebensmitteln für sich aus. Konsument_innen orientieren sich beim Einkauf ihrer Lebensmittel oft an den Etiketten, die von „bio“ oder „Natur“ sprechen. Diese suggerieren den Käufer_innen ein Bild von „Reinheit, Echtheit, Ursprünglichkeit, keineswegs jedoch werden sie assoziiert mit den industriellen Fertigungstechniken, mit Hilfe derer sie letztlich entstanden sind“ . Tom – ebenfalls auf der Suche nach Reinheit, Echtheit, Ursprünglichkeit – nimmt diesen Anspruch an sein Frühstück, Mittagessen und Co. als Motivation, sich frei von der Konsumwelt der Supermärkte zu machen. Aufgrund dessen bezieht er sein Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten. Sein Ernährungsstil lässt sich als ganzheitlich-natürlich kategorisieren , welcher sich durch eine starke gesundheitliche Orientierung auszeichnet. Diese umfasst hierbei die Bewegung an der frischen Luft, den Konsum regionaler und möglichst naturbelassener Produkte und das Bestreben, im Einklang „von Körper und Geist […] mit der äußeren Umwelt“ zu sein:

„Ansonsten haben wir halt da gezeltet, haben halt draußen geschlafen, einer hat im Haus geschlafen, aber ich denk halt so; wenn ich schon in der Natur bin, warum soll ich dann nicht draußen schlafen in der Natur, ne? Das war halt echt schön. Und morgens mit der Sonne aufgewacht um fünf.“

Er berichtet hier begeistert von seiner Reise nach Portugal, wo er zwei Wochen auf einer Selbstversorgerfarm lebte. Die ganzheitlich-natürliche Orientierung lässt sich in an vielen Schnittstellen seines Alltags feststellen. Toms erste Handlungsmotivation bildet dabei die der Selbstoptimierung, die als „Strategie, den eigenen Körper oder das eigene Wohlbefinden zu optimieren“ gedeutet werden kann. Er selbst fand durch eine vegane Fastenkur zum Veganismus, die ihm half seine gesundheitlichen Probleme zu heilen. Sein Ernährungsstil fungiert dabei jedoch auch „als Mittel, die Welt zu verbessern“, indem er regionale Bauernhöfe unterstützt und im Garten ohne Pestizide arbeitet, um seinen ökologischen Fußabdruck möglichst klein zu halten.

Der Garten als Pforte zur Natur

Das Säen und Ernten von Obst und Gemüse aus dem Garten, unbehandelt und ursprünglich, erscheint aktuell wieder als zeitaufwendige und arbeitsintensive Freizeitbeschäftigung. In der Vergangenheit oftmals von Großmutter praktiziert, interessieren sich nun auch junge Männer und Frauen für diese ökologisch wertvolle Alternative zum Lebensmitteldiscounter. Altbewährte und Erfolg versprechende Methoden fungieren dabei als Vorbild und geben uns Sicherheit. Durch ihre Überlieferungen auf welche Art und Weise wir unser Bedürfnis nach Nahrhaftem stillen können, sichern sie uns in einer Welt voller Möglichkeiten emotional ab. Woher genau kommt diese Eigenmotivation sich selbst zu versorgen, wo wir doch jederzeit und allerorts die Möglichkeit haben unseren Einkaufskorb mit einer Fülle an Obst und Gemüse aus der ganzen Welt zu beladen – und das zu erschwinglichen Preisen?

„Das ist eigentlich voll cool, weil ich kann einfach in den Garten gehen morgens, wenn ich frühstücken will. Dann geh ich in den Garten, pflück die ganzen Früchte oder so, mein Obst. Und dann noch mein Gemüse, pflück das alles da. Dann kann ich direkt in die Küche gehen und kochen. Brauch fast gar nichts mehr einkaufen. Ich bin letztes Jahr eigentlich nur zu meinem Bauern gefahren. Der ist auch um die Ecke, der baut auch alles so Bio an. Eigentlich war ich nur beim, beim Edeka für Bananen. Und sonst hab ich eigentlich, den Rest hab ich irgendwo anders herbekommen. Aus meinem Garten oder von meinem Bauer. Das ist eigentlich cool, weil das Geld bleibt in der Umgebung und ähm (kurze Pause) ich mein es ist halt viel Arbeit und im Endeffekt sparst du glaub ich kein Geld, weil du ja viel Zeit investierst. Aber es ist halt schon fürs Gefühl so sein eigenes Bio-Gemüse zu essen.“

Tom zeigt durch diese Aussage auf, dass er sich unabhängig von äußeren Faktoren, wie beispielsweise Lebensmittellieferanten, gemacht hat. Das Siegel Bio verleiht er seinem Obst und Gemüse aus dem Garten selbst. Regionalität fungiert für ihn als Motivationsgrund jenes aus der unmittelbaren Umgebung zu beziehen. Andrea Heistinger resümiert: „Gärten sind auf kleinstem Raum hochproduktiv. Und dies mit – im Vergleich zum Ackerbau – sehr einfachen und größtenteils manuellen Mitteln und Methoden. Damit leisten sie einen Beitrag zur Ernährungssouveränität.“ Tom beweist, dass man sich freimachen kann von Rewe, Aldi und Co – wenn man bereit ist Zeit, Energie und Muße in seinen Garten zu stecken. Ökonomische Vorteile verspricht dieses Hobby nicht, was für ihn aber auch keinen Motivationsgrund darstellt. Viel eher geht es beim Anbau von Paprika, Kirschtomate und Kohlrabi um „die Erkenntnis der eigenen Produktivität und Handlungsfähigkeit“, „Anknüpfungspunkte für ein Denken und Handeln in regionalen Zusammenhängen und Kreisläufen“ und darüber hinaus um den „raren Begegnungsraum mit der Produktivität von Natur, wie auch mit selbstbestimmten Formen der Esskultur“ . Die Vielfalt an Obst und Gemüse, die er dabei anbaut und erntet, ist schier beeindruckend. Und die Lebensmittelfülle dabei schlicht und ergreifend: „Zucchini, Tomaten, Mais das erste Mal dieses Jahr. […] Dann Bohnen, Erbsen, Kohlrabi, rote Beete, Salat. […] Auberginen, Paprika. Eigentlich fast alles so, was ich normal esse.“ Toms Ernährung zeigt auf, dass man sich auf der Basis von möglichst unverarbeiteten Nahrungsmitteln – natürlich zu 100% pflanzlich – ausgewogen und gesund ernähren kann. Er spricht selbst von einem guten Körpergefühl, Energie und Leistungsfähigkeit. Zentrale Aspekte, die ihn dazu veranlassen vegan zu essen. Die Bewegung an der frischen Luft, im Gemüsebeet, beim Wässern und Jäten ergänzt das körperliche Wohlergehen. Inspiriert von seinem Aufenthalt auf einer Selbstversorgerfarm in Portugal, wo er Tag und Nacht unter freiem Himmel verbrachte, zieht es ihn mehr und mehr in ein Umfeld des Natürlichen, und „Unverarbeiteten“. Diese Art und Weise der Rückbesinnung zur Natur lässt sich gegenwärtig in der westlichen Gesellschaft erkennen. So ist unser Alltag zwar moderner und technisierter denn je, gleichzeitig lässt sich jedoch auch feststellen, dass das Interesse an Wildkräuterspaziergängen, Lehmhüttenbau und anderen Freizeitaktivitäten in der Natur stetig zunimmt. In dieser Weise kann auch der eigene Garten seinen Beitrag dazu leisten, Mutter Natur wieder ein Stück näher zu kommen.

Die soziale Dimension

Claudia Schirrmeister charakterisiert den freiwilligen Verzicht tierischer Produkte aus sozialer Perspektive als mögliche Erfahrung von „[sozialer] Aufmerksamkeit und Anerkennung“ . Dies ließ sich auch bei dem veganen Picknick beobachten, an dem ich Tom und andere Veganer_innen kennenlernten durfte. Die Akteur_innen tauschten sich angeregt über individuelle vegane Ernährungsformen aus, teilten ihre persönlichen Erfahrungen miteinander und vergaben regen Zuspruch und Anerkennung für besonders ideenreiche oder konsequente Umsetzungen dieses Lebensstil – ob moralisch, gesundheitsorientiert oder aber kulinarisch ausgerichtet. Über zahlreiche Facebook-Gruppen stieß ich auf diverse Veranstaltungen und Gruppen, in denen sich die Akteur_innen vernetzen, austauschen und verabreden.

„Am besten ist das so, wenn man vegan ist und andere Leute zu treffen. Also wir treffen uns halt. Und bei so Treffen kann man sich austauschen und man versteht sich auch direkt, weil man bei dem einen Thema schon dabei, äh, also das gleiche Interesse hat. Und ähm, das ist schon cool.“

Auf diese Weise wird ein Zugehörigkeitsgefühl unter Gleichgesinnten erzeugt, das das Identifikationspotential mit dieser alternativen Lebensweise fördern kann. Der Befragte kann als sozial sehr aktiv charakterisiert werden. Neben den regelmäßigen Treffen bei veganen Picknicks ist er ebenfalls Mitglied in dem Verein Im Einklang mit der Natur e.V., einem Verein in Wachtberg, der zum Austausch von naturbasierter Lebensführung einlädt. Auf der offiziellen Website ist Mit einer kleinen Gruppe von Vereinsmitgliedern verbrachte er im Sommer zwei Wochen auf einer Selbstversorgerfarm in Portugal, von denen er ausführlich erzählt:

„Die leben da auch so in ner Gemeinschaft, ne? Das ist halt auch cool. Auf dem Grundstück wohnen halt drei oder vier Leute und das find ich halt gut, weil die sich dann gegenseitig unterstützen können. Die können dann halt sagen; okay du kannst das gut, ich kann das gut… das find ich halt, das will ich auch haben, so ne Gemeinschaft aufbauen. Es muss nicht jeder Geld verdienen, aber jeder muss was können, was der andere nicht kann. Irgendein Arzt oder halt irgendein Gärtner, jemand der den Baumschnitt kann, so was ich halt nicht so gut kann, ne? Das es halt ein Ausgleich ist. Das fand ich schon schön, weil die da so in der Gemeinschaft gelebt haben. Die haben zusammen gearbeitet, haben zusammen Essen gekocht, zusammen gegessen und das fehlt mir halt hier so ein bisschen.“

Auch an dieser Stelle werden sein starker Gemeinschaftssinn und sein Wunsch nach Solidarität sichtbar. Das antikapitalistische Lebensmodell auf der Selbstversorgerfarm fungiert für ihn nicht nur als Vorbild einer praktizierten Ernährungssouveränität, sondern auch als intaktes soziales Miteinander. So stellt sich auch Veronika Bennholdt-Thomsen die Frage: „Denn ist Wohlstand nicht vielmehr friedliches Zusammenleben aller, sich umeinander sorgen und versorgt sein, sich sicher und geborgen fühlen?“ Solch eine Gemeinschaft kann aufzeigen, inwieweit man sich vom Kapitalismus distanzieren kann. Für Tom liefert sie neue Inspiration und idealisierte Ideenwelchen, inwieweit er seinen Alltag in Deutschland möglicherweise weiterhin von der „Norm“ hinweg gestalten könnte.

Wie wird unsere Zukunft in den nächsten Jahren aussehen? Ist die Hinwendung zur Ursprünglichkeit der Natur bloß ein Trend? Werden autonome Selbstversorger-Gemeinschaften in den nächsten Jahren an Zuwachs gewinnen? Wird der Veganismus weiterhin an gesellschaftlicher Bedeutung gewinnen oder wird diese Bewegung irgendwann wieder abebben? Und was können wir in diesen kulturellen Gesellschaftsprozessen für uns, für andere und für unsere Umwelt tun? Der Kulturanthropologe Gunther Hirschfelder formuliert eindringlich und bestimmt:

„Wie wir die Zukunft gestalten sollten? Jedenfalls nicht nur mit kurzfristigen Diskussionen über Wellnesskost oder leckere Rezepte, sondern mit einer grundlegenden Reflexion über die Ethik des Konsums, über Gerechtigkeit und die Frage, wie wir globale Verantwortung für Menschen und Ressourcen übernehmen können.“

Zweifelsohne gibt es kein Patentrezept für ein „richtiges“ Leben. In einer Zeit, in der wir den Luxus genießen uns aussuchen zu können, was wir essen, wo wir einkaufen und mit welchen Leuten wir uns umgeben, haben wir auch stetig die Chance uns dabei zu positionieren. Das alternative Ernährungsmodell von Tom ist ein Beispiel von vielen, das genau dies beweist.

von Denis Okatan

Lesen Sie hier die Version mit Quellen- und Literaturangaben

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