Aushandlungen von Grün in der Stadt

Einfach machen!

„Alles begann im Herbst 2009 mit einer zu groß gewordenen Bananenpflanze, die nicht mehr auf den Balkon passte. Die Freundin des Hobby-Gärtners drängte den Mann, die ungeliebte Staude aus der gemeinsamen Wohnung zu entfernen – egal wohin, nur aus den Augen. Der Mann gehorchte, trug seine Pflanze zum nahen Kreisverkehr und setzte sie mitten im Kreisel aus. Obwohl erst der kühle Herbst und dann der ganz kalte Winter kamen, überlebte die verstoßene Südfrucht trotzig in der – immerhin – Südstadt.“

Und bis zum heutigen Tag besteht die sogenannte Bananenrepublik in der Kölner Südstadt. Gepflegt wird sie durch ihren Präsidenten, der in besagtem Herbst 2009 zum ersten Mal eine Bananenstaude auf dem Kreisverkehr an der Bonner Straße zwischen Teutoburger Straße und Rolandstraße einpflanzte. Doch nicht nur das drohende Beziehungs-Aus zwischen dem Präsidenteaushandlungen-von-gruenn und seiner Freundin waren ausschlaggebend für die Gründung der Bananenrepublik. Denn zur gleichen Zeit baute die Stadt Köln entlang der Bonner Straße die neue Nord-Süd-Stadtbahnlinie aus und legte in diesem Zusammenhang den Kreisverkehr an. Und weil sich der Präsident – der seinen Namen in der Öffentlichkeit lieber nicht nennt – jeden Tag im Vorbeigehen über die unschöne Bauruine bestehend aus „Driss und Erde“ ärgerte, kam ihm die Idee, die ‚ungeliebte Staude’ einfach auf die Verkehrsinsel zu setzen. Im Laufe der vergangenen Jahre war die Insel nun schon Lebensraum für zahlreiche Pflanzen. Neben den namensgebenden Bananenstauden, wuchsen hier Rosenstöcke, Hanfpalmen, Wildblumen, Kohlrabi und auch Bienen hatten hier bereits vorübergehend Unterschlupf gefunden.

Guerilla Gardening – Politisches Gärtnern

Die Bananenrepublik zeigt eine Möglichkeit auf, wie sich Bürger_innen heutiger Großstädte grüne Flächen schaffen, pflegen und damit Stadtentwicklung von unten betreiben. Diese und ähnliche Formen der Stadtbegrünung werden oftmals unter dem Begriff Guerilla Gardening zusammengefasst. Eine einheitliche Definition jener kulturellen Handlung ist bisweilen noch nicht in der Literatur zu finden und auch in der Praxis zeigt sich, dass es nicht immer einfach ist, die Akteur_innen dieser Bewegung zuzuordnen. Die Anfänge lassen sich aber bereits über 40 Jahre in die Vergangenheit zurückverfolgen. Um etwas gegen den zunehmenden Verfall der Bausubstanz im New York der 1970er Jahre zu unternehmen, schlossen sich zu Anfang des Jahrzehnts einige Künstler_innen und Aktivist_innen zusammen, um sogenannte „seed green-aids“ auf leerstehende und verwahrloste Stadtflächen zu werfen und dadurch die Stadt zu begrünen. Unter dem Namen Green Guerillas agiert die Gruppe bis heute als etablierte Nichtregierungsorganisation und steht den zahlreichen Gemeinschaftsgärten in New York unterstützend zur Seite. Sicherlich stellt jene Vereinigung nicht die erste und einzige Guerilla Gardening-Initiative dar, leistete aber aufgrund ihrer andauernden und beständigen Arbeit sowie der öffentlichen Sichtbarkeit einen großen Beitrag dazu, dass aus den zahlreichen einzelnen gärtnerischen Interventionen eine Bewegung entstehen konnte, wie van der Haide et al. in ihrem Artikel „Guerilla Gardening und andere politische Gartenbewegungen. Eine globale Perspektive“ festhalten.

Kurz zusammengefasst kann das Phänomen Guerilla Gardening als spontane und vorübergehende Pflanzintervention auf vernachlässigten städtischen (Grün-)Flächen beschrieben werden. Und oftmals liegt den Aktionen eine gesellschaftspolitische Kritik, bestimmte Wertvorstellungen und Konzepte, die der kapitalistischen Gesellschaft gegenläufig sind, zugrunde.

Des Weiteren bemerken van der Haide et al., dass der Guerilla-Begriff aus Akteursperspektive bewusst gewählt wird. Mit Guerilla wird sowohl „eine besondere Form des militärischen Kampfes als auch […] bandenähnliche Kampftruppen und deren Mitglieder“ bezeichnet. Im Rahmen eines Untergrund- oder Bürgerkrieges beziehungsweise als Teil einer Widerstandsbewegung gegen Besatzungsmächte oder die eigene Regierung, bewaffnet sich in diesem Zusammenhang die einheimische Bevölkerung, um ihre Ziele der Unabhängigkeit, Selbstbestimmung bzw. die Durchsetzung von Sozialreformen zu erkämpfen. Kennzeichen der Guerillagruppen ist, dass sie dezentral organisiert sind und sich mit geringen Mitteln und Möglichkeiten einer stärkeren, dominierenden militärischen Macht wiedersetzen. Ihr Erfolg lässt sich durch ein hohes Maß an Flexibilität, das die Guerilla-Bewegungen bereithalten, erklären, wodurch sie im Idealfall eine mangelnde militärische Ausrüstung ausgleichen können. Ein ähnliches Vorgehen ist auch bei Guerilla Gardening-Aktivist_innen zu beobachten. Weil nämlich einige Pflanzaktionen im Grenzbereich zwischen Legalität und Illegalität liegen – etwa, wenn Privatgrundstücke betreten und begrünt werden – finden sie häufig in der Nacht statt; entstehen sozusagen im Verdeckten und scheinbar spontan. Auch wenn klar ist, dass die meisten der Aktionen einer präzisen und durchaus langwierigen Vorbereitung bedürfen. Guerilla Gardening-Aktivitäten können damit nach van der Haide et al. als widerständige Handlungen umschrieben werden, die „dezentral, kreativ und mit geringer Ausstattung versuchen, eine alternative, gerechtere Gesellschaft aufzubauen.“ Daraus lässt sich ableiten, dass Guerilla Gardening-Projekte meist emanzipatorische Ziele verfolgen und diese auf vielfältige Art und Weise realisieren.

Um aufzuzeigen mit welcher Motivation sich Stadtbewohner_innen grüne Flächen im urbanen Raum aneignen oder – besser gesagt – mittels gärtnerischer Interventionen schaffen, um diese nach ihren Vorstellungen zu gestalten, werden im Folgenden zwei unterschiedliche Beispiele vorgestellt. Darüber hinaus wird gezeigt, welche Ziele die jeweiligen Akteure mit ihren Handlungen verfolgen. Dafür wird erstens der Streetart-Künstler Señor Schnu, der mit seinen Moos-Graffitis schon die Städte Aachen, Köln und Berlin begrünt hat, sowie die bereits eingangs erwähnte Bananenrepublik samt ihrem Präsidenten, herangezogen.

 „Grünerleben“ – Mit Moos gegen den Kapitalismus

Mit den Worten „GRÜNERLEBEN“ protestierte Señor Schnu im Jahr 2012 gegen den Bau eines neuen Einkaufzentrums mitten in der Aachener Innenstadt. Als Teil der damaligen Bürgerinitiative „Kaiserplatzgalerie – nein danke“ brachte der Streetart-Künstler gemeinsam mit ein paar Freunden die etwa eineinhalb Meter hohen Buchstaben aus Moos auf den Bauzaun rund um die Baustelle an. Señor Schnu wollte bei dieser Aktion mit einem „angemessenen Mittel“ ein Zeichen gegen die Baupläne setzen und daher ist „Moos […] eigentlich das perfekte Mittel, um dieses Grün zu unterstützen.“ Die Befürchtung der Bürgerinitiative und von Señor Schnu war, dass durch den Bau des Einkaufzentrums sämtliche Einzelhandelsgeschäfte in der Aachener Innenstadt zugrunde gehen und damit der Fußgängerzone Leerstand drohen würde. Die Bürger_innen setzten sich also dafür ein, dass an besagter Stelle statt der neuen Einkaufsgelegenheit ein Park beziehungsweise eine Grünfläche im Sinne eines Gemeinschaftsgartens, wie sie schon in anderen europäischen Städten existieren, entsteht. Neben dem Moos-Schriftzug „GRÜNERLEBEN“ brachten die übrigen Aktivist_innen der Bürgerinitiative alte PET-Flaschen an der Wand an, die mit unterschiedlichen Blumen bepflanzt waren.aushandlungen-von-gruen2

Auch wenn die Bürgerinitiative nicht erfolgreich war und Aachen heutzutage um ein Einkaufszentrum reicher ist, lässt sich an dieser ‚grünen Intervention’ ablesen, auf welche Weise sich Bürger_innen in politische Vorhaben einmischen und an Entscheidungen teilhaben wollen. Dass an dieser Stelle das Gärtnerische bzw. Grün zum Mittel des Protests wird, verdeutlicht in welcher Weise das Verhältnis von Urbanität und Natur in öffentlich geführten Stadtentwicklungsdebatten verhandelt wird. Moos, das auf Steinen und Beton wächst, dennoch etwas ‚Natürliches’ ist und darüber hinaus als Luftfilter dient, steht somit im Spannungsverhältnis zwischen Stadt und Natur.

Hieran ist außerdem eine Entwicklung abzulesen, die sich in zahlreichen europäischen Städten seit den 1970er Jahren vollzogen hat. Wolfgang Kaschuba bezeichnet das als eine „Neue Urbanität“ und zeigt einen Paradigmenwechsel auf, bei dem der Stadtraum nicht mehr nur als reine Arbeits- und Verkehrswelt, sondern als Kultur- und Lebensraum betrachtet wird. Gemäß dessen ist Stadtraum für alle Bürger_innen da. Wie am Aachener Beispiel jedoch zu sehen ist, sind auch „diese neuen urbanen Räume, Bewegungen und Wissenskulturen vielfältig bedroht“ – beispielsweise durch Kapitalisierung.

 Gärtnern für eine andere Gesellschaft

„Ich zeige nur Wege auf und ich hoff’, dass es irgendwie die Leute animiert, das auch zu machen.“ Mit diesen Worten erklärt der Präsident sich und seine Bananeninsel in der Kölner Südstadt. Seit mittlerweile sieben Jahren engagiert sich der gebürtige Kölner dafür, dass die Verkehrsinsel an der Bonner Straße stets gut bewachsen ist. Aufgrund der jahrelangen Bemühungen ist die Insel heutzutage ein feststehender Begriff und im Veedel allseits bekannt. Zu offiziellen Anlässen – wie Inselgeburtstag und Inselführungen für Schulklassen – tritt der Präsident nur in Uniform auf. Mit einem weißen Hemd samt – natürlich – Bananen-verzierten Epauletten auf den Schultern und das Seepferdchen-Abzeichen inszeniert sich der eigentliche Kaufmann und Maschinenbauer als Herrscher über die Bananenrepublik.

Die erste Bananenstaude, die der Präsident im Herbst 2009 auf die Insel gepflanzt hat, ist schon lange nicht mehr da. Bereits im darauffolgenden Winter, kurz vor Weihnachten, wurde sie von einem fürsorglichen Pflanzenfreund ausgegraben und in einer wärmeren Gegend wieder aufgepäppelt. Doch der Präsident ließ sich davon nicht unterkriegen und setzte ein Schild mit der Aufschrift „Banane“ auf die Insel, um zu verdeutlichen, um welche Insel es sich nach wie vor handelt – nämlich um seine Bananenrepublik. Als es im kommenden Frühjahr wieder wärmer wurde, kaufte der Präsident schließlich mehrere neue Bananenstauden und pflanzte sie wieder auf der Insel ein. Zusätzlich setzte er neben die Banane noch einige Streusamen aus, damit „das alles ‘n bisschen bunt wird“. Doch die Bananenrepublik schien kriminelle Handlungen scheinbar anzuziehen, denn der Pflanzen- sowie Schilderklau ging stets weiter. So wurden beispielsweise eines Nachts zehn Rosenstöcke von der Insel geklaut, sodass am nächsten Morgen nur mehr die Löcher im Boden zurückblieben.

Fragt man den Präsidenten danach, welche Aussage er mit der Insel und seinem Tun treffen möchte, antwortet er stets: „Gar nix. Das is‘ weder politisch, noch kommerziell, noch künstlerisch. Mir geht’s nur darum, dass die Leute hier vorbeifahren und lächeln. Mehr nich‘.“ Und so wehrt er sich beispielsweise auch dagegen der Gruppe der Guerilla Gardening-Aktivist_innen zugeschrieben zu werden. Guerilla-Kämpfer beschreibt er als Personen, die „ihr Leben für ihre Idee aufgegeben (haben), ne?! Und nich’ irgendwo mal wild Petersilie oder Radieschen gepflanzt haben, weißte?!“ Doch bei weiterem Nachfragen wird klar, dass doch ein bisschen mehr hinter den nun schon sieben Jahren Engagement für die Insel stecken. Selbst bezeichnet der Präsident sich als ein „Andersrum-Denker“. Und um die politische Dimension seines Schaffens zu veranschaulichen, zitiert er beispielsweise den amerikanischen Präsidenten Kennedy mit den Worten: „Du darfst nicht überlegen, was kann der Staat für mich tun. Du musst überlegen, was kann ich mal für den Staat tun.“ Für den Präsidenten der Bananeninsel darf Stadtentwicklung (und andere politische Entscheidungen) nicht nur von einer Seite – der offiziellen – aus geschehen. Für ihn ist es selbstverständlich, dass sich die Bürger_innen zu gleichen Teilen in ebenjene Prozesse einmischen und mitgestalten. Und so versucht er beispielsweise durch das Anbringen von Gießkannen auf seiner Bananeninsel, die übrigen Anwohner_innen und Geschäftsleute dazu anzuregen, gelegentlich die Pflanzen auf der Insel zu gießen.

Aus kulturanthropologischer Forschungsperspektive spiegelt sich hierbei das Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit im urbanen Raum wieder. Was Klaus Selle als „die Koproduktion des Stadtraumes“ bezeichnet, verdeutlicht, dass das vermeintlich bipolare Verhältnis zwischen Öffentlichkeit und Privatheit nicht mehr trägt. Stadt ist das Produkt vieler und Stadträume sind somit „nicht nur sozial (also durch Aneignung und Nutzung) ‚produziert’, sondern auch von Akteuren aus ihrer Mitte gebaut, finanziert, entwickelt.“

Vor etwa drei Jahren hat der Präsident nun auch die Patenschaft für die Verkehrsinsel durch die Stadt Köln erhalten und ist damit offiziell alleiniger Herrscher über sein Inselreich. Zuvor hat er seine Bepflanzungsaktionen meist in der Nacht durchgeführt, um einerseits nicht erkannt zu werden und andererseits möglichen Konflikten mit der Polizei und anderen Personen aus dem Weg zu gehen.

Gärtnern als Handlungsmacht

Sowohl das Beispiel der Bananenrepublik als auch die Moos-Graffitis von Señor Schnu haben gezeigt, dass hinter Stadtbegrünungsaktionen oftmals übergeordnete Ziele stehen. Beiden liegen insbesondere Ideen der Stadtentwicklung zugrunde und verfolgen das Ziel eines Bottom-Up-Ansatzes, bei dem Stadtentwicklung von unten oder zumindest im Dialog zwischen öffentlicher Hand und Bürger_innen stattfindet.

Nach Elke Krasny ist „das Gärtnerische als Ausdruck der Stadtentwicklung von unten ein Seismograf der Krisenbewältigung, der Widerstandsfähigkeit, der Robustheit“ zu verstehen. Dabei gehe es jedoch nicht um eine rein beschreibende rekonstruierende Darstellung jeweiliger urbaner Krisen wie Industrialisierung, Massenarbeitslosigkeit, Kriege, Migrationsbewegungen, Mega-Events oder neoliberalem Entwicklungsdruck. Vielmehr drücken sich durch heutige Guerilla Gardening-Initiativen und ähnliche Formen Praktiken und Strategien der Selbstermächtigung aus. Indem sich Bürger_innen verwahrloste Stadtflächen aneignen, sie nach ihren Vorstellungen gestalten beziehungsweise begrünen und ihnen dadurch eine neue Bedeutung geben, bringt das Gärtnerische ihre Handlungsmacht hervor. Hierdurch verändert sich aber nicht nur der physische (urbane) Raum an sich. Es findet darüber hinaus eine Neu-Positionierung der Subjekte untereinander im sozialen Raum statt. In diesem Sinne ist urbaner Raum als „Gesellschaftslabor […] der Moderne und Spätmoderne, in dem soziale und kulturelle Entwicklungen in Gang gesetzt und verdichtet werden“ zu verstehen. Demnach sind Städte als „symbolische Ordnungsräume, die das Verhalten der Individuen und Gruppen formen und von ihr geformt werden“, zu betrachten.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die beiden vorgestellten Akteure durch ihre Praktiken „gesellschaftliche, wirtschaftliche und ökologische Zusammenhänge hinterfragen und auf unterschiedlichsten Ebenen Veränderungen bewirken“ möchten. Wenn auch nicht offensiv artikuliert, so wird doch unterschwellig deutlich, dass die Akteure eine Raum- beziehungsweise Stadtplanung von unten realisieren und sich durch ihr Schaffen aktiv an gesellschaftlichen Fragen des Zusammenlebens beteiligen. Auf diese Weise kann das Gärtnern im (öffentlichen) Stadtraum als politisch wirksames Instrument angesehen werden, mit dem die Handlungsmacht der Bürger_innen in die Praxis umgesetzt wird.

von Laura Esser

Lesen Sie hier die Version mit Quellen- und Literaturangaben

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