Bonner Hofgarten: Im Wandel der Zeit

Eine Untersuchung über die Nutzung und die Funktionen des Bonner Hofgartens

Bonn, Sommer 2016. Strahlend blauer Himmel, angenehme 25 Grad, saftige grüne Wiese: Der Bonner Hofgarten. Ein großes, grünes Rechteck mitten in der Bonner Innenstadt. Eingesäumt von schönen Bäumen, der ehemaligen Anatomie sowie dem kurfürstlichen, zart goldgelb leuchtenden Schloss, dem Universitätshauptgebäude. Eine grüne Oase in prachtvoller Atmosphäre. An einem warmen Sommertag lädt dieser Ort zum spazieren und verweilen ein. In regelmäßigen Abständen ertönt das Rumpeln der U-Bahn Linie 66. An der Haltestelle Universität/Markt herrscht reger Verkehr. Auf dem Rasen sitzen viele junge Leute – allein, zu zweit oder in Gruppen. Einige Grills brennen, Softdrinks und Bier werden verzehrt. Erholungssuchende, Jongleure, Fußballspieler, Slackliner und Gitarrenspieler fühlen sich hier ebenso wohl wie die zahlreichen Hundebesitzer, die ihre Lieblinge ausführen. Eine asiatische Touristin hält mit ihrer Kamera ein typisches Bild fest.

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Den heutigen Bonner Bürger_innen wird dieses Bild bekannt sein. Doch seit wann ist dieses Bild typisch? Sah der Hofgarten um 1800 so aus wie heute? Und wurde um 1900 auch schon im Hofgarten die Freizeit verbracht? Wie hat sich die Nutzung des Bonner Hofgartens in den letzten Jahrhunderten verändert und wie haben sich seine Funktionen entwickelt?

Eines ist klar: Im Verlauf der Jahrhunderte gab es die unterschiedlichsten Nutzungs- und Aneignungsprozesse im Hofgarten. Mithilfe der sogenannten volkskundlich-kulturwissenschaftlichen Raumanalyse soll untersucht werden, inwiefern sich der Raum Hofgarten verändert hat und welche Akteur_innen, aber auch historischen Ereignisse dabei von zentraler Bedeutung waren.

Info-Kasten „Kulturanthropologische Raumanalyse“:

Die sozialwissenschaftliche Raumforschung untersucht, inwiefern soziale Akteur_innen in Interaktion treten und wie sie einen Raum untereinander aushandeln. Pierre Bourdieu und Henri Lefebvre haben für eine Trennung des physischen und des sozialen Raums plädiert, wobei Lefebvre Letzteren als ein soziales Produkt betrachtet. Johanna Rolshoven zufolge umfasst der soziale Raum zwei verschiedene Dimensionen: Einerseits bezeichnet er einen durch die Lebenswelt der Akteur_innen erschaffenen, interpretierten und aus der Perspektive des Menschen gedachten Raum, der individuell gelebt wird. Auf der anderen Seite umfasst der soziale Raum einen „stets spezifischen gesellschaftlichen Raum, dem der Prozess der Raumaneignung untersteht“ und in den „die Historie seiner Nutzungsformen und Bedeutungszuweisungen eingelagert“ sind. Der physische Raum hingegen umfasst den architektonisch geschaffenen, messbaren Raum, der die unabdingbare Grundlage für den sozialen Raum schafft.

Auf den Hofgarten bezogen, bezeichnet der physische, gebaute Raum den architektonisch angelegten Garten mit dem Residenzschloss und den Bäumen in seiner Umgebung. Der soziale, gelebte Raum entspricht hingegen dem von den sozialen Akteur_innen wahrgenommenen und in deren Alltagshandlungen verwirklichten und ausgehandelten Raum. Durch die entstehenden, unterschiedlichen Raumaneignungen ist der soziale Raum maßgeblich für die Identifizierung der jeweiligen Akteur_innen der unterschiedlichen Jahrzehnte mit dem physischen Raum verantwortlich.

Stadtgesellschaftliche Dynamik im urbanen Raum findet ihre „prägnanten kulturellen Ausdrucksformen in den sich ständig verändernden urbanen Lebensstilen, Räumen, Architekturen und Institutionen“. Der Hofgarten stellt insofern einen besonderen Raum dar, da seine Architektur und Gestaltung in den verschiedenen Jahrhunderten in den Grundzügen beibehalten worden ist. Dementsprechend kann man das Augenmerk vollständig auf die sich wandelnden urbanen Lebensstile sowie die Aneignungsprozesse und die damit verbundenen Funktionen der Grünanlage richten. In der fast 300-jährigen Geschichte des Hofgartens haben auf der Grünfläche viele spannende, skurrile und faszinierende Stories stattgefunden.

18. Jahrhundert – Die adlige Elite schreitet durch den Hofgarten

Wer im 18. Jahrhundert in Bonn unterwegs war, hat den Ausbau der Stadt zur kurfürstlichen Residenzstadt sowie die Entstehung des Hofgartens miterlebt. Auf den Ruinen des von Kurfürst Ferdinand errichteten und 1689 zerstörten Schlosses ließ Kurfürst Joseph Clemens Anfang des 18. Jahrhunderts einen prachtvollen Neubau nach Plänen des Baumeisters Enrico Zuccali anfertigen. Zwischen 1715 und 1723 wurde er durch Baumeister Robert de Cotte erweitert. In dieser Phase entstand auch der 1720 fertiggestellte Hofgarten als ein wesentliches Element des zentralen Gartenensembles in Bonn. Die Gartenanlage vor der Südfassade des Schlosses, die „den Rhein und die wirkungsvolle Kulisse des Siebengebirges in die Stadt einbindet, macht bis heute einen der wesentlichsten städtebaulichen Reize Bonns aus“. Das Siebengebirge, damals von der Stadt aus noch frei sichtbar, diente als bedeutender gestalterischer Bezugspunkt für die Hofgartenfront. In den Jahren 1741/42 wurde der Hofgarten erweitert und nach klassischem französischen Vorbild gestaltet. Eine Vedute von François Rousseau (Abb. 2) zeigt die Ansicht des Bonner Hofgartens um 1750: Das tiefer gelegte Hofgartenparterre mit seinen ornamental angelegten Zierflächen aus Buchsbäumen und bunten Kieseln, den kunstvoll geschnittenen Formbäumchen und dem Springbrunnen in der Mitte der Gartenanlage wurde seitlich von Doppelalleen aus jungen Bäumen eingefasst. Dieser klassische französische Garten diente der flanierenden Gesellschaft als „exklusives Refugium“. Die künstlerische Gestaltung bringt gleichzeitig die Funktionen des Gartens der damaligen Zeit zum Ausdruck: Der Hofgarten diente als Bühne barocker Prachtentfaltung sowie als Fest- und Repräsentationsraum des Staates.

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Der feudale Repräsentationsgarten prägte den Charakter der Stadt, doch in den 1760er Jahren musste aus Kostengründen das pflegeintensive Hofgartenparterre durch eine einfache Rasenfläche ersetzt werden. Nach 1779 wurde die Gestaltung des Hofgartens verändert: Die Kurfürsten Max Friedrich und Max Franz planten eine Umgestaltung nach englischem Vorbild. Dieses Vorhaben wurde allerdings durch die französische Besetzung des Rheinlandes von 1794 bis 1814 verhindert. Der Hofgarten wurde in Nationalgarten umbenannt und „zum Schauplatz für die Feste der französischen Besatzung“ sowie für ihre politischen Veranstaltungen. Durch die französische Aneignung wechselten zwar die Akteur_innen, die Funktion des Hofgartens als Fest- und Repräsentationsraum blieb jedoch bestehen. Trotz dieser offiziellen Nutzung verfiel der Hofgarten in dieser Zeit zusehends.

19 . Jahrhundert – Die Bürgerlichen erobern sich ihre Flaniermeile

Wer im 19. Jahrhundert in Bonn studiert hat, sein Rentnerdasein genossen hat oder zu Gast war, hat ein wildes Hin und Her um den Hofgarten erlebt. Nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft wurde nämlich dann endlich aus dem ehemals französischen Barockgarten ein englischer Garten. Die weite Rasenfläche, die sich von der Residenz aus nach Süden erstreckte, dominierte den Park fortan. Zwischen 1822 und 1824 wurde die Anatomie errichtet, die den Hofgarten im Süden begrenzte. Im Osten und Westen schirmten die ursprünglich zierlichen Alleebegrenzungen, die zu mächtigen Bäumen herangewachsen waren, den Park ab. Der Hofgarten war von nun an für die Bevölkerung geöffnet, was allerdings nur für die Wege, die ihn umschlossen, galt. Die Rasenfläche durfte in der Regel nicht betreten werden, was sogar von eigens dafür engagierten Parkwächtern überwacht wurde. Dennoch entwickelte sich der Park langsam und schrittweise von „der Bühne des höfischen Lebens zum Aufenthaltsort des Stadtbewohners. Mehr und mehr beginnt sich eine ,öffentliche Nutzung im modernen Sinn‘ und damit auch eine neue Trägerschaft abzuzeichnen“.

Im Zuge der Säkularisierung fiel der Hofgarten dem preußischen Staat zu, der ihn samt Schloss im Jahre 1818 wiederum der Universität übergab. Am 18. Oktober 1818 wurde die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn gegründet. Nach der Gründung der Universität wurde in den 1820er Jahren kontrovers über die Nutzungsmöglichkeiten des Hofgartens diskutiert: Verschiedene Bebauungspläne, nach denen der Hofgarten u.a. in einen Botanischen Garten umgebaut werden sollte oder als Standort für den Bau von Professorenwohnungen bzw. einer neuen Sternwarte dienen sollte, scheiterten am Widerstand der Bonner Bevölkerung. Darüber hinaus gab es sogar Protest aus höheren Kreisen, wie durch den Kronprinzen Friedrich Wilhelm IV., der sagte: “Macht, was ihr wollt, aber rührt keinen der Bäume des Hofgartens an.“ Es wurde immer wieder auf die Bedeutung des Hofgartens für die Schönheit der Stadt und die damit verbundenen finanziellen Einnahmen durch fremde Besucher hingewiesen.

Neben seiner prägenden und charakteristischen Funktion für die Stadt, avancierte der Hofgarten im Verlauf des 19. Jahrhunderts zum Treffpunkt der Bürger_innen und damit zu einer der bevorzugten Flaniermeilen Bonns in der damaligen Zeit. Als Raum für Spaziergänge und Naherholung, aber auch für erstes Anbändeln und Flirts wurde der Hofgarten immer beliebter. Mit den Jahren verstärkte sich seine Anziehungskraft noch, da der Park wesentlich ansehnlicher wurde. Für dieses Unterfangen bedurfte es jedoch einer langen Zeit: Nach der Übernahme des Hofgartens durch die Universität blieb jener trotz bestimmter Pläne zur Pflege der Grünanlagen eine ungepflegte und verwahrloste Wüstenei. Es bestand sogar kurzzeitig die Gefahr, dass er unter den Professoren aufgeteilt würde, doch mit Hilfe des Generaldirektors der königlichen Gärten, Peter Joseph Lenné, gelang es, die Verkaufspläne der Universität zu verhindern. Vor und während der Kaiserzeit (1871-1914) wurde Bonn zunehmend von Touristen besucht und von Pensionären sowie Rentnern bewohnt. Eine schöne Umgebung war also auch aus diesem Grund von großer Bedeutung. Zunächst befasste sich der 1859 gegründete Bonner Verschönerungsverein mit dieser Aufgabe, der auch schon kleine Fortschritte verzeichnen konnte. 1895 wurde ein Gartenamt durch Oberbürgermeister Wilhelm Spiritus eingerichtet, das sich fortan mit der systematischen Pflege der städtischen Grünflächen befasste. Auch die universitären Grünanlagen, insbesondere der Hofgarten, profitierten davon. Neben der Instandsetzung der verwahrlosten Gärten, wurde der Hofgarten auch entsprechend seiner Funktion ausgestattet: Es wurden Wege erweitert und Bänke aufgestellt, sodass die typischen Aktivitäten der damaligen Zeit – Flanieren und Ausruhen – in schöner Atmosphäre ausgeübt werden konnten. So verwundert es kaum, dass Bonn mit seinen gepflegten Parks und Grünflächen bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges als eine der schönsten Städte Deutschlands galt und allgemein als Gartenstadt bezeichnet wurde.

Obwohl sich der Hofgarten im 19. Jahrhundert – inoffiziell – vom Repräsentationsraum zum Naherholungsgebiet entwickelte, verlor er seine Funktion als Raum für Feste und Veranstaltungen niemals gänzlich. Das Betreten der Rasenfläche war im Übrigen weiterhin verboten, nur bei offiziellen Anlässen durften Füße auf das heilige Grün gesetzt werden. So zum Beispiel bei glanzvollen Paraden der Husaren, bei Besuchen des Kaiserpaares oder bei der Fünfzigjahrfeier der Universität Bonn, bei der ein riesiges Gartenfest im gesamten Hofgarten veranstaltet wurde. In vielschichtigen Aushandlungsprozessen hat sich eine neue Akteursgruppe im Hofgarten etabliert. Gut situierte Bürger, darunter viele Studenten, identifizierten sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts zunehmend mit dem physischen Raum Hofgarten und gestalteten durch ihr alltägliches Handeln den sozialen Raum entscheidend mit.

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20. Jahrhundert – Schritt für Schritt zur Hofgartenwiese für Jedermann

Wer im 20. Jahrhundert in Bonn den Hofgarten langfristig beobachtete, konnte so manche gesellschaftlichen Veränderungen wahrnehmen. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts sollten Parks – offiziell – ausschließlich eine repräsentative sowie pädagogisch-sittliche Funktion einnehmen. Ein Zitat des Frankfurter Gartenbaudirektors Carl Heicke verdeutlicht, welche Überwindung es ihn gekostet hat, den Park für die einfache Bevölkerung zu öffnen:

„Wenn ich an das Entsetzen denke, welches mich überkam, als mir zum ersten Male ernstlich nahegelegt wurde, eine größere Nutzbarmachung unserer Anlagen für die Bevölkerung und insbesondere die Freigabe von Rasenflächen ins Auge zu fassen, dann muß ich unwillkürlich lächeln. So etwas schien einem zunächst ganz undenkbar, und das ist begreiflich, wenn man sich die Form unserer bisherigen Stadtparks vorstellt, die sozusagen nur die guten Stuben für die Bevölkerung und sauber herausgearbeitete Zieranlagen bildeten.“

Ein Kollege Heickes, der Kölner Gartendirektor Fritz Encke, erkannte bereits 1903, dass

„unsere Parks, Volksgärten und Plätze im allgemeinen noch viel mehr für den Gebrauch als für das Beschauen eingerichtet werden [müssen]. Es ist ein Unding, den Strom der Erholung suchenden Besucher auf schmalen Wegen durch weite grüne Flächen zu führen, so daß sie sehnsüchtig auf den saftigen Rasen und die schattigen Haine schauen, aber den aufgewirbelten Staub schlucken müssen.“

Die Entwicklung vom repräsentativen Bürgergarten zum nutzbaren Volkspark war von dort an in vollem Gange. In Bonn entstand dadurch ein Konfliktfeld, da unterschiedliche Akteursgruppen in den Aushandlungsprozessen rund um die Nutzung des Hofgartens beteiligt waren. Letztlich setzen die universitären Entscheidungsträger durch, dass das Betreten den Rasens im Hofgarten noch bis in die 1960er Jahre verpönt war. Nichtsdestotrotz trug die Volksgartenbewegung dazu bei, dass der Hofgarten als öffentlicher und für jeden nutzbarer Raum akzeptiert wurde. Zwischen 1900 und 1903 wurden sogar regelmäßig Wettkämpfe von Sport- u. Fußballvereinen auf der Rasenfläche ausgetragen, ehe die Universität die Hofgartenwiese von derartigen Volksbelustigungen in der Folgezeit freihalten ließ. Neben der öffentlichen Nutzung blieb seine repräsentative Funktion sowie seine Nutzung als Raum für Veranstaltungen und Feste weiterhin bestehen. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde beispielsweise ein Kaisermanöver bei der feierlichen Immatrikulation des Kronprinzen im Hofgarten veranstaltet und eine Landwirtschafts-Schau abgehalten.

In der Zeit der Weltkriege und den damit verbundenen Versorgungskrisen diente der Hofgarten als landwirtschaftliche Nutzfläche, wobei er u.a. als Kohlfeld und Kartoffelacker fungierte, zur Heugewinnung genutzt oder von kleinen Schafherden bewohnt wurde (in Notzeiten war die „Nicht den Rasen betreten – Norm“ außer Kraft gesetzt).

Nach dem Ersten Weltkrieg stand das Rheinland unter alliierter Kontrolle: Französische Soldaten waren in Bonn stationiert und nutzen den Hofgarten für Aufmärsche und Panzerparaden zur Demonstration ihrer Stärke. Wieder fungierte der ehemalig barocke Residenzgarten als Repräsentationsraum. In den 1920er Jahren wurde abermals eine Nutzung des Hofgartens als Sportstätte diskutiert. Obwohl die Idee sogar vom Kultusministerium unterstützt wurde, konnte sie nicht gegen die ablehnende Haltung der Universität und der Stadt durchgesetzt werden. Lediglich der seit 1924 obligatorische Hochschulsport wurde zum Teil im Hofgarten ausgeübt und erfreute sich großer Beliebtheit. Die städtischen sowie universitären Entscheidungsträger bestimmten in dieser Zeit maßgeblich darüber, welche Akteur_innen sich den Hofgarten aneignen durften. Während der NS-Diktatur dominierte erneut die repräsentative Funktion des Hofgartens, da ihn die Nationalsozialisten für ihre Propaganda nutzten: Aufmärsche und Veranstaltungen, wie z.B. der NSDAP Kreisparteitag und ein Generalappell 1939, haben öffentlichkeitswirksam stattgefunden.

Am 18. Oktober 1944 gab es einen massiven Bombenangriff auf die Bonner Innenstadt, bei dem das Universitätshauptgebäude und der Hofgarten vollständig zerstört wurden. In der Phase des Wiederaufbaus gab es erneut die unterschiedlichsten Ideen für die zukünftige Nutzung des Hofgartens. Ein ganz kurioser Plan, nach dem der Hofgarten mit Trümmerschutt aufgefüllt werden sollte, um anschließend Tennisplätze darauf zu bauen, wurde nur knapp verhindert.

Im Jahr 1949 wurde Bonn zur Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland. Der Universität sowie dem Hofgarten kam dabei die wichtige Rolle zu, „Gastgeber von Staatsempfängen und Station im Besuchsprogramm von Staatsbesuchen zu sein“. Neben den Studierenden, die sich als zentrale Akteur_innen den Hofgarten aneigneten, gab es nun eine neue Akteursgruppe, die Politiker der BRD, die die repräsentative Funktion des Hofgartens sowie seine Eigenschaft, Platz für eine halbe Millionen Menschen inmitten der Stadt zu bieten, zu nutzen wusste. Zahlreiche Staatsgäste besuchten und bestaunten in den folgenden Jahrzehnten den Hofgarten (ob sie die Rasenfläche betreten haben, ist aus den Quellen nicht ersichtlich). Bei einer Rede von Königin Elisabeth II. von England vom Balkon des Universitätshauptgebäudes versammelte sich jedenfalls eine große Menge auf der Hofgartenwiese, um den Worten der Queen zu lauschen. Es ist anzunehmen, dass bestimmte Akteursgruppen darüber „not amused“ waren, zeigt doch die folgende Postkarte (Abb. 4) aus den 1950er Jahren das für die damalige Zeit typische Bild: Den Hofgarten und die Universität, im Vordergrund ein elegant gekleideter Herr auf einer Bank und die leere Rasenfläche.

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Auch Mitte des 20. Jahrhunderts, als noch das „fordistische Arbeits- und Lebensethos herrschte, (…), als es kein Dolce Vita am hellen Nachmittag geben durfte“, wurde das Betreten des Rasens noch immer verachtet. Noch 1966 wurde in einem Zeitungsartikel beklagt, dass der schöne, gepflegte Rasen immer wieder von undisziplinierten Menschen betreten würde. Die Reibungspunkte zwischen den verschiedenen Akteur_innen nahmen mit der Zeit zu, da immer mehr Akteursgruppen und damit immer vielseitigere Alltagswelten im Hofgarten aufeinandertrafen. Ein Mentalitätswandel und jahrelanger Umdenkungsprozess führten letztlich dazu, dass sich die Verhaltensmuster der Bürger_innen wandelten und der Hofgarten demnach ab den 1970er Jahren als echte Nutzfläche bezeichnet werden kann. Das Betreten des Rasens war plötzlich chic: Spazieren, Spielen, Entspannen – das saftige Grün lockte immer mehr Menschen an.

In den 1970er und 1980er Jahren entstand schrittweise das typische Bild des Hofgartens, wie wir es heute kennen. Unterschiedlichste Akteursgruppen nutzten den Hofgarten, sodass seine Funktionen stark variierten. Der Bau des Parkhauses und der U-Bahn Haltestelle „Universität/Markt“ in den Jahren 1969/70 machte den Hofgarten zu einem zentralen Verkehrsträger in der infrastrukturellen Stadtplanung. Durch den Bau wurde der Rasen schwer beschädigt. Zur Wiederherstellung der Grünfläche wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, was zeigt, welche Bedeutung die Stadt dem Hofgarten beimaß. Innerhalb relativ kurzer Zeit wurde der Hofgarten saniert und ein Kinderspielplatz im östlichen Teil des Hofgartens errichtet. Die wesentliche Nutzung des Hofgartens ab etwa den 1970er Jahren bis heute kann in die folgenden Bereiche eingeteilt werden: Erholung (Pause, Treffpunkt, Spazierengehen, Spielen, Tiere ausführen), Verkehr (Zugang, Durchgang, U-Bahn, Parkhaus), Repräsentation (Festakte zu Staatsbesuchen und Gedenktagen) und Kultur (Veranstaltungen, wie z.B. Flohmarkt, Uni-Sommerfest, Festivals, kirchliche Veranstaltungen). Der Hofgarten diente von nun an uneingeschränkt als Ausgleichsraum städtischen Lebens mit vielseitigen Möglichkeiten und als öffentlich nutzbarer Raum für jedermann. Im Verlauf der 1970er Jahre eigneten sich vermehrt verschiedene Subkulturen den Hofgarten an, wodurch die „mehr oder weniger homogene, weil noch immer bürgerliche Gruppennutzung“ aufbrach. Die Grünanlage wurde zur „Plattform des Anderen“, was im Falle des Hofgarten bedeutete, dass er zunehmend sportliche, gesellschaftliche und politische Aktivitäten wie Demonstrationen aufnahm. Die multifunktionale Grünanlage diente z.B. in den 1970/80er Jahren als Notschlafstelle für Studenten, als Ort eines Dressurfestivals des Akademischen Reitclubs Bonn und insbesondere als Bühne für politische Großveranstaltungen. Einhergehend mit Bonns Status als Hauptstadt gab es zahlreiche Proteste im Hofgarten, die in den Friedensdemonstrationen der 1980er Jahre gipfelten. Heute erinnert eine Tafel im Rahmen des Weges der Demokratie im Süden des Hofgartens daran, dass der Hofgarten ein bedeutender Raum für die Entwicklung unserer Demokratie gewesen ist. Großveranstaltungen gibt es hingegen kaum noch – Ende der 1980er Jahre wurde der Hofgarten nach langen und intensiven Aushandlungsprozessen für große Events gesperrt. Nur wenigen Ausnahmen, wie z.B. besonderen Demonstrationen oder dem Großen Zapfenstreich 1995 wurde in der Folgezeit die Erlaubnis durch die Universität erteilt.

21. Jahrhundert – Jeder Jeck ist anders! Der Hofgarten als multifunktionale Grünfläche

Wer in der heutigen Zeit in Bonn unterwegs ist oder im Hofgarten Ausschau nach wilden Pokémon hält, erlebt die Hofgartenwiese wohl größtenteils als sozialen Interaktionsraum der Bonner Bürger_innen, insbesondere der Studierenden. Nur selten wird man auf große Events stoßen, da die Universität bis heute darüber entscheidet, welche Veranstaltungen (nicht) im Hofgarten stattfinden. Die kulturelle und repräsentative Nutzung ist dennoch bedeutsam, auch wenn sie nur sporadisch auftritt. Herausragende Ereignisse, die den Hofgarten nachhaltig geprägt haben, waren der Weltjugendtag, dessen Eröffnung im Jahr 2005 im Hofgarten stattfand, das Deutschlandfest 2011, welches das größte Fest war, das der Hofgarten je gesehen hatte sowie das seit einigen Jahren jährlich stattfindende Universitätsfest. Und auch nach moderner Kunst muss im Hofgarten nicht lange gesucht werden: Die bunten Säulen der Kunstaktion „Echo polychrome“ aus dem Jahr 1997 sind bis heute am Ende des Hofgartens, gegenüber des Arithmeums, zu finden. Die repräsentative Kraft des Hofgartens ist laut Thomas Becker zu einem – wenn auch nur geringen – Teil mit dafür verantwortlich, dass sich die Universität Bonn heutzutage zu einer der größten und modernsten Universitäten in Deutschland zählen kann und Bonn als sehr beliebter Studienort bekannt ist: „Die ungezwungene Atmosphäre des Bonner Hofgartens tut dazu ihr Übriges“. Die Bedeutung des Hofgartens für die Bonner Studierenden ist nicht zu unterschätzen.

Auch wenn der Hofgarten heute keine freie Sicht mehr auf das Siebengebirge erlaubt, sondern mitten in der Stadt liegt, hat der Hofgarten als Teil des barocken Gartenensembles seinen „Charme und Identifikationswert für Bonn“ bis heute bewahren können. Der Wandel vom Landschaftselement zum innerstädtischen Freiraum ermöglicht eine ausgesprochen vielseitige Nutzung. Darüber hinaus werden Parks bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts auch immer wieder „aufgrud ihrer Effekte zur Verbesserung der Stadtluft als klimatische und ökologische Ausgleichszonen für das dicht besiedelte Stadtgebiet“ geschätzt. Im heißen und schwülen Bonner Sommer [sic!] dient der Hofgarten als Kühlinsel als bevorzugter Aufenthaltsort.

Das eingangs beschriebene, von der asiatischen Touristin eingefangene, typische Bild des Hofgartens spiegelt seine zentrale Nutzung wider: Die Grünanlage dient als Raum zur Entspannung, zur Begegnung, zum Spiel und Sport sowie zur Freude. Der Hofgarten schafft einen Wohnraum im Freien, der von vielen Bonner Bürger_innen, insbesondere von Studenten als Gartenersatz betrachtet wird. So verwundert es nicht, dass der Essenslieferant Foodora auf seinen Flyern den Hofgarten als ausgeschriebene Lieferadresse anpreist. Grüne Freiflächen, wie der Hofgarten, sind demnach

„hybride Räume zwischen Natur und Kultur, die mit vielerlei Bedeutungen und Funktionen aufgeladen werden können. Sie bilden flexible Bühnen für die Inszenierung der gesellschaftlichen Vorstellungen von Öffentlichkeit und Freizeit. Diese Verbindung von sozialen Funktionen und gestaltetem Naturraum macht Parks zu allseits beliebten Orten.“

Die Bonner Bürger_innen haben sich den Hofgarten im Verlauf der Jahrhunderte und vermehrt in den letzten fünf Jahrzehnten zusehends angeeignet, da sie

„in unseren Städten mehr soziales Leben, mehr kulturelle Vielfalt und mehr politische Teilhabe suchen, weil [sie] aus funktionalen Arbeitswelten nun atmosphärische Lebenswelten machen wollen – und vor allem: weil diese urbanen Räume und Lebensstile für uns selbst damit zum Identitätslabor werden, zum Atelier und zur Bühne neuer Bildentwürfe auch von uns selbst als Stadtbürgern und als Stadtgesellschaften.“

Der Hofgarten hat sich vom feudalen Repräsentationsgarten zum Naherholungsgebiet, zur Bühne für Feste und Veranstaltungen, zum Wohnraum im Freien, zur Kulisse für Sport, Spiel und Kultur, zur grünen Oase und Lunge der Stadt, zu einem wichtigen Verkehrsträger und insbesondere zum Raum sozialer Interaktion entwickelt. Die kulturanthropologische Forschung geht davon aus, dass Bedeutungen nicht a priori gegeben sind, sondern von handelnden Akteuren diskursiv produziert und gestaltet werden. Die unterschiedlichen Funktionen und Bedeutungszuschreibungen des Hofgartens waren und sind demnach von den räumlichen Aneignungsprozessen und den vielseitigen Lebenswelten der Akteur_innen abhängig. Da diese Prozesse und dynamisch interagierenden Konstellationen mithilfe der Raumanalyse gefasst werden können, ist es andersherum möglich, an der Entwicklung der Nutzung des Hofgartens gesellschaftliche Veränderungen abzulesen.

Betrachtet man den Hofgarten als permanentes gesellschaftliches Labor, wird es spannend sein, zu beobachten, inwiefern der Hofgarten zukünftigen, innovativen Nutzungsmöglichkeiten begegnet. Denkt man beispielsweise an das in den letzten Jahren und mittlerweile Jahrzehnten entstandene, neue Selbstverständnis von Stadt, bei dem im Sinne von „Stadt neu denken“ Akteur_innen der Urban Gardening, aber auch der Guerilla Gardening Bewegung freistehende Grünflächen bepflanzen, stellt sich die Frage, ob der Hofgarten nicht noch einmal partiell zum Nutzgarten wird. Wer weiß?! Ich jedenfalls bin gespannt, wann im Hofgarten die erste Tomatenpflanze gesichtet wird und welche spannenden Geschichten zukünftig im Hofgarten geschrieben werden.

von Giulia Fanton

Lesen Sie hier die Version mit Quellen- und Literaturangaben

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