Der Garten im Museum: Kulturgut mit Mehrwert

Am Beispiel des LVR Freilichtmuseums Kommern

Garten heute

Ob klein und bunt im städtischen Innenhof, großzügig hinterm Einfamilienhaus, ob in der Zeitschrift „LandLust“, als Aquaponic oder vertikal am Bürogebäude: Gärten blühen mehr und mehr auf. „Mit dem Verschwinden der klassischen Industrie [,] erleben wir eine neue Konjunktur der Gartenarbeit“. Warum ist das so? Laut Schachtner löst jede Episode von Industrialisierung und daran geknüpfter Verstädterung „bis in die Gegenwart Wünsche und Forderungen nach Verländlichung und Re-Agrarisierung“ aus. Die beschleunigte und beschleunigende Globalisierung ruft im Menschen das Bedürfnis nach Ruhe und Erholung, nach Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln hervor. In der körperlichen Arbeit findet die moderne Bürger_in ein befriedigenderes Gefühl als bei der tagtäglichen, eintönigen Büroarbeit und fühlt eine Verbindung mit der Natur aufkeimen. Zugleich boomt der Öko-Trend: In ist, was biologisch angebaut wurde, frei von Pestiziden ist, auf herkömmliche, überlieferte Art und Weise produziert wurde. Im Garten mit seinen Produkten, selbst angebauten Kartoffeln und eigens gekochter Himbeermarmelade, bündeln sich diese idealisierten Vorstellungen. Das Konzept Garten wird dabei mannigfaltig umgesetzt. Nicht nur Urban Gardening und der Balkongarten, auch Guerilla Gardening und städtische Dachgärten sind Ausdruck jenes Wunsches nach Befreiung, Erholung und Rückbesinnung und somit „Quelle von Stolz, Zufriedenheit und Bestätigung des eigenen Tuns“. Was aber ist mit institutionellen Räumen kultureller Formationen? Hat es der Garten auch ins Museum geschafft? Und wenn ja, wie findet das Grün Ausdruck an diesem Ort?

Museen: zwischen Kultur spiegeln und Kultur schaffen

„Museen (Freilichtmuseen eingeschlossen) vermitteln an einer Nahtstelle von Wissenschaft und Öffentlichkeit auf populäre Weise kulturwissenschaftliche Kenntnisse und Erkenntnisse und wirken mit bei der Gestaltung von (regionalen, lokalen) >>Identitäten<<, Selbstverständnissen und Geschichtsbildern“.

Ein Museum untersuchen? Forschung erforschen? Wie lässt sich, wenn denn überhaupt, ein Mehrwert aus der Betrachtung durchdachter Konzepte ziehen? Museen und die in ihnen dargestellten Artefakte geben, wie das Zitat oben zeigt, immer auch einen Überschuss an Information ab. Sie sind nicht nur Aussteller abgeschlossener Untersuchungen, sondern vielmehr auch eigenständige Träger von Bedeutung, sie reflektieren, was in einer Gesellschaft als kulturell wichtig empfunden wird, gewichten dabei auf ihre jeweils spezifische Art und Weise und sind somit auch als kulturschöpfend zu begreifen:

„Das Museum ist ein Teil jenes Prozesses, in dem definiert wird, was denn den Menschen wichtig und lebenswert ist, was sie konkret unter Fortschritt verstehen und wie sie Wohlbefinden […] definieren wollen.“

Kulturgut Garten im LVR Freilichtmuseum Kommern

Damals….

Auch dem LVR Freilichtmuseum Kommern kommt solch eine doppelte Funktion zu. 1958 gegründet, spielten an diesem Ort Gärten schon von jeher eine Rolle: Durch „die Anlage von Hausgärten, Baumgärten, Wiesen und Feldern, auf denen all das angebaut werden konnte, was zur historischen Landwirtschaft und zum bäuerlichen Haushalt gehört“, wurde den historischen Gebäuden ihr passendes Umfeld zurückgegeben. Gärten gehören in Freilichtmuseen zum Konzept der „Ganzheitlichkeit“, welches darum bemüht ist, vergangene Lebenswelten so authentisch und umfänglich wie möglich abzubilden. Bereits im ersten Museumsführer, 1961 erschienen, werden „die Anlage von Hausgärten, Baumwiesen und Äckern und der Anbau alter Gartenpflanzen und Feldfrüchte als Zielvorstellung genannt“. Neben alten Zier- und Heilpflanzen, Kräutern und Gemüse zieht man seitdem auch Obstbäume in Baumgärten. Die Museumspädagogin des LVR Freilichtmuseums Kommern fasst den ganzheitlichen Ansatz, der darauf Wert legt, Gärten so exakt historisch richtig wie möglich darzustellen, so zusammen:

„Wenn man etwas zeigen will, wie es früher war, tut man das natürlich nicht nur drinnen, indem man authentisch möbliert oder eben einen Zeitschnitt darstellt […] sondern versucht das eben auch aufs Außen zu übertragen. Und da gehört es eben auch dazu, dass man nicht sagt, wir pflanzen einen Garten irgendwie, sondern eben versucht, das, was früher genutzt worden ist oder für einen bäuerlichen Haushalt wichtig war, das war ja umfassend, wieder zu sichern und zu präsentieren.“

Doch nicht nur die „Rekonstruktion der historischen Kulturlandschaft“ war im Fokus des Museumsgründers und -trägers Landschaftsverband Rheinland, schon 1980 setzte sich das Freilichtmuseum mit dem Projekt „Anlage biogenetischer Reservate“, zusammen mit der Bundesforschungsanstalt für Naturschutz und Landschaftsökologie, für den Schutz gefährdeter Pflanzenarten ein. In einer Zeit aufblühenden Umweltbewusstseins spiegelte das Museum somit zum einen die gesellschaftliche Relevanz jenes Themas wider und gab ihr an seinen Orten und in seinen Gärten als Bewahrer vergangener Zeiten eine eigene Note.

…und 2016

Und heute? Die gesellschaftliche Relevanz des Gartens ist so groß, dass der Garten als eigenständiges „Ausstellungsstück“ im Museum angekommen ist. Ein Auszug aus der Broschüre des Marktplatzes Rheinland, einer Baugruppe im Museum, zeugt davon:

„Moderne Gärten: Seit 2012 widmet sich das LVR-Freilichtmuseum Kommern mit dem Forschungsprojekt ,Präsentieren und Erhalten: Gartenkultur der 1950er- bis 1980er-Jahre` den Veränderungen der Gartennutzung. Der Garten des 2012 eröffneten Bungalows zeigt die Situation zu Beginn der 1960er-Jahre. Mit damals üblichen Pflanzen und kleinen Themenbereichen wie einem Stein- oder Wassergarten entsteht hier in den kommenden Jahren eine zeittypische Anlage.“

Seit ein paar Jahren also kommt dem Garten im Freilichtmuseum Kommern nicht mehr „nur“ die Rolle des Bewahrers alter Sorten und des Beiwerks historischer Bauernhäuser zu. Der Trend zum Gardening hat es geschafft, den Garten auch im Museum eigenständig zu fokussieren. Worin besteht nun aber der Mehrwert, den das LVR Freilichtmuseum Kommern dem Kulturgut Garten zukommen lässt? Wie wird er präsentiert? Was ergeben sich für weitreichende Neuerungen aus dem Ausstellungsstück Garten für die Besucher_innen und Angestellten, für das ganze Museum?

Rundgang durch die Gartenwelt des Museums

Lehrgärten

Auf dem 95 Hektar großen Museumsgelände in Kommern gibt es acht Gärten, die verschiedentlich und von mehreren Gärtner_innen bewirtschaftet werden. Nahe am Eingang findet sich das Haus aus Bilkheim. Hinter dem alten Gebäude grenzt ein kleiner Bauerngarten mit einem Obstbaum an, ein Zaun trennt das Gelände vom Besucherweg. Hier, so die Museumspädagogin, darf sich eine Klasse einer weiterführenden Schule botanisch austoben, die Kinder und ihr Lehrer bewirtschaften den Garten, der für Besucher_innen nicht zu betreten ist. Da es im Museum selbst nicht ausreichend Personal für die Grünflächen oder speziell einen Botaniker gibt, stellt sich mit diesem kleinen Nutzgarten ein Doppeleffekt ein: einerseits kümmert sich jemand um ihn, andererseits öffnet sich das Museum, das auch sonst viele Kinder- und Jugendangebote hat, noch einmal verstärkt für die junge Generation, die ihren Horizont in der praktischen Arbeit mit Erde und Pflanzen erweitert…

Vorbei am Tante Emma Laden geht es zum nächsten Hausgarten. Ein Landwirt, von denen einige neben der Tieraufsicht auch etwas Gartenarbeit im Museum übernehmen, harkt das Salatbeet. Diesen Garten, dessen Aufteilung typisch für die Zeit um 1900 ist, können Besucher_innen betreten, um etwas über Salat- und Gemüsepflanzen, Küchen- oder Heilkräuter zu lernen.

Ähnlich wie beim Schulprojekt läuft es etwa auf der Mitte des Weges beim Tofgrund-Hof aus Hosen ab. Hinter dem imposanten alten Gebäude liegt ein großer bäuerlicher Garten sowie eine kleinere abgezäunte Parzelle: in letzterer arbeitet die Waldkindergartengruppe in unregelmäßigen Abständen an ihrer Ernte. Das Freilichtmuseum gibt Kindern auch hier den Raum, sich mit der Natur zu beschäftigen und im Rahmen des Museums und seiner Gartenanlage zu lernen.

garten-der-waldkindergartengruppe

Ökologie und Aktualität

Auf dem weiteren Rundgang, etwas abseits vom Weg, stößt man auf eine Plakatwand: „Ackerwildkrautprojekt: Unkraut vergeht nicht – stimmt nicht!“ Die Stiftung Rheinische Kulturlandlandschaft, gefördert durch einen Pharmakonzern, hat hier in Kooperation mit dem LVR Freilichtmuseum einige Beete angelegt. Seltene Wildkräuter, die aufgrund der konventionellen Landwirtschaft gefährdet sind, werden hier vermehrt, um später an anderen Standorten ausgebracht zu werden.

Das Freilichtmuseum geht mittels der Gärten mehrere Schritte über den einfachen musealen Charakter hinaus: zum einen unterstützt es wie schon in den 80er-Jahren aktiv die Umwelt, ein nachhaltiges Pflanzen und den Naturschutz, zum anderen öffnet es durch seine Kooperation mit einer externen Stiftung die Tore weiterhin für die Gegenwart. Bislang war das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert Dreh- und Angelpunkt von Freilichtmuseen, (1984 wurde dies auf einer Tagung des Verbandes Europäischer Freilichtmuseen postuliert), 2016 allerdings erscheinen mehr und mehr auch rezente Themen interessant zu sein. Nun werden im Freilichtmuseum nicht mehr einfach nur Bauten und Geräte präsentiert, die Vergangenheit erzählt, mehr und mehr steht auch Rezentes im Fokus:

„>>Musealisieren<< wird heute meist als Bewahren von Dingen, die sonst verloren gehen würden, verstanden. >>Musealisieren<< bedeutet aber auch, etwas durch die Verfrachtung in die öffentlich zugängige Institution Museum überhaupt erst jedermann (oder vielen) zugänglich zu machen oder eine Öffentlichkeit herzustellen für (und damit die Aufmerksamkeit lenken auf) etwas, von dem man überzeugt ist, daß [sic] es wichtig oder interessant für das Publikum ist und womit man dieses beeinflussen, anregen, bilden oder unterhalten will.“

Nicht weit vom Ackerwildkrautprojekt entfernt steht seit einiger Zeit eine Gemüsesäule aus Kunststoff. Nun im Frühjahr ist sie kahl, aber die Museumsmitarbeiterin erinnert sich:

die-gemuesesaeule

„Hier ist auch noch ein Projekt. Das war eine Ausstellung aus dem letzten Jahr […] da haben wir eben unter diesem Ausstellungsmotto ,Mangel, Überfluss und Nachhaltigkeit´ mit dem Bundesamt für Landwirtschaft und Ernährung zusammengearbeitet. Da geht es eben um den ökologischen Landbau, früher war es quasi naturgegeben ökologisch unddann ist natürlich durch Modernisierung, Ertragssteigerung und so [anders geworden]. Und jetzt gibt´s ja eine Rückbesinnung darauf, was ist wirklich nachhaltig und ökologisch. Und man sieht eben an diesem Beispiel, dass man auch innerstädtische Konzepte, also Stichwort Urban Gardening, entwickelt hat. Wo man auf möglichst kleinem Raum möglichst viel anpflanzt. Die Säule hier war letztes Jahr wirklich voller Salat und jeder konnte sich immer etwas abpflücken, fand ich also ganz toll.“

Auch an dieser Stelle sieht man wieder den aktuellen Bezug, den das Freilichtmuseum hat. Ein höchst modernes Projekt, ein Beet, ein Garten aus Kunststoff wird in das historische Programm des Museums integriert und gibt durch die Möglichkeit für die Besucher_innen, Salatköpfe mitzunehmen, einen eigenen Output ab. An dieser Stelle klärt das Museum über Rezentes auf und kombiniert mit einer persönlichen Bereicherung der Gäste.

Bewahren und Freude für Besucher_innen und Angestellte

Beeindruckend wird es beim Haus aus Kessenich. Eine Dame mittleren Alters spielt hier an einigen Tagen im Monat Anna Ippendorf, eine reale historische Persönlichkeit, die die Ernte ihres groß angelegten Gartens auf dem Markt verkaufte – die Besucher_innen werden durch die authentische Darstellungsweise in das Leben der vorindustriellen Zeit zurückversetzt. In diesem Garten, der vor etwa fünf Jahren auf Basis des tatsächlichen Pflanzplans erweitert und originalgetreu bepflanzt wurde, lassen sich weitere bedeutende Aspekt des Mehrwerts Garten im Freilichtmuseum erkennen. Im Sommer blüht der Garten in den schönsten Farben auf und stößt bei der Darstellerin, einer passionierten Gärtnerin, sowie den Besucher_innen auf Begeisterung: „Dieser Garten ist im Sommer auch ein Traum, das finden die Besucher natürlich auch“, ist sich die Museumspädagogin sicher. Die Schauspielerin, die sich zwei Tage die Woche um den Kessenicher Garten kümmert, geht noch weiter als bis zum ästhetischen Aspekt:

„Wir haben im letzten Jahr auch angefangen, diesen Ewigen Kohl hier anzupflanzen. […] Das ist eine alte Sorte, die man nur über Stecklinge weitervermehren kann. Wozu man natürlich auch die Besucher braucht, dass diese Pflanze nicht verschwindet aus unserer Gartenkultur.“

Nun ist es scheinbar nicht mehr nur allein das Museum, das zum Erhalt alter Sorten beiträgt, auch die Besucher_innen selbst mischen mit und bringen sich über den Austausch mit der Gärtnerin in historischer Kleidung ein: Einerseits bilden sie sich im Gespräch weiter, erfahren mehr über alte, fast ausgestorbene Arten, andererseits

„geht es umgekehrt dann auch, dass die Besucher dann sagen, ja wir haben von der Bohnensorte Soundso noch Samen, sind Sie interessiert? Und so kann man Stück um Stück […] Rückzüchtungen machen oder alte Sorten wieder ansiedeln.“

Wenn interessierten Besucher_innen wiederum eine Pflanze besonders gut gefällt oder sie selbst Rückzüchtungen durchführen, gibt die Gärtnerin ihnen einen Setzling oder Samen mit. Sie ist sich sicher: „Man kriegt mittlerweile auch wieder alte Sorten zu kaufen, aber es ist auch einfach schön, wenn man das aus dem Museum mitgenommen hat und zuhause weiter verwertet“. „Es ist also ein Geben und Nehmen. Und dadurch hat man dann eben auch die Sortenvielfalt und die Erhaltung“, ergänzt die Museumspädagogin. Und nicht nur für die Besucher_innen ergibt sich hier ein Mehrwert aus dem musealen Gartenprojekt, auch die Gärtnerin zehrt persönlich von ihrer Arbeit hier, im vierten Jahr bewirtschafte sie diesen „wunderbaren Garten“:

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„Ich hab immer Garten gehabt, hab mich immer selbst versorgt, die letzten dreißig Jahre kann man sagen. Und es macht mir einfach Spaß die Pflanzen zu sehen und dann auch noch diese Lust an Pflanzen hier dem Besucher hier vermitteln zu können. Also das ist für mich wirklich eine tolle Arbeit, macht wirklich viel Spaß!“

Zum Schluss des Rundgangs erreicht man den Marktplatz Rheinland, wo der oben zitierte Bungalow aus Kommern steht. Hier engagiert sich die Museumspädagogin, ebenfalls eine „Gärtnerin aus Liebe“, auch abseits ihres regulären Arbeitsrahmens in der Gartenarbeit. Zusammen mit vier Ehrenamtlichen pflegt sie den 60er-Jahre Garten. Ein Blick in das Gästebuch der nebenan gelegenen Gaststätte zeigt auf, welchen Effekt dieser museale Garten hat: Samt Picknickdecke und -korb haben es sich zwei Familien hier gemütlich gemacht und alter Erinnerungen gefrönt: „Toll ist es hier, wir fühlen uns in unsere Kindheit zurückversetzt 🙂 Vielen Dank, dass wir hier picknicken durften.“ Sowohl für die Museumsmitarbeiter_innen als auch für die Besucher_innen können die angelegten musealen Gärten also auch als persönliche Bereicherung dienen.

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Ausgang

Der kurze Rundgang durch das LVR Freilichtmuseum Kommern mit Stopps an einigen Gärten hat gezeigt, wie stark das gesellschaftlich relevante Kulturgut „Garten“ im Museum vertreten ist und welch unterschiedliche Ausprägungen es über dies durch seine Ausstellung und Vermittlung vor Ort haben kann: gemäß des ganzheitlichen Konzepts bilden Gärten die Vervollkommnung des bäuerlichen Hauses ab, sie geben mittels Schul- und Kindergartenprojekten „Raum für (Selbst-)Erfahrungen und (Selbst-)Reflektion“ im Umgang mit der Natur, sie nutzen dem Erhalt fast ausgestorbener Sorten, sie holen das geschichtlich verwurzelte Museum in die Gegenwart und stellen nicht zuletzt Orte persönlicher Freude von Museumsmitarbeiter_innen und Besucher_innen dar.

von Milena Rabe

Lesen Sie hier die Version mit Quellen- und Literaturangaben

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