Englische Landschaftsgärten/ -parks

„Die Natur pflanzt nichts nach Schnur“

Die im 18. Jahrhundert entstandene Idee des Englischen Landschaftsgartens basiert auf der von Jean-Jaques Rousseau geprägten Lebensphilosophie der Aufklärung, die die Verbindung des Menschen mit der Natur vorsah. Hinsichtlich der Gartengestaltung wandte sich die neue Einstellung strikt gegen die Geometrisierung des französischen Barockgartens und dessen absolutistischen Symbolgehalt.

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Ziel war es nun, den natürlichen Wuchs der Pflanzen zu fördern und der Bevölkerung urbaner Räume den Zugang zur Natur und Orten der Erholung zu ermöglichen. Der Mensch sollte in einem Garten zu den Quellen seines Ichs und zur Natürlichkeit zurückfinden. Deshalb zielte die Gartenarchitektur auf den dynamischen Prozess der Natur, den es zu kultivieren, nicht aber zu organisieren und geometrisieren galt. Als Gegenpart zur industrialisierten Stadt, versuchte der englische Landschaftspark die beiden widersprüchlichen Merkmale ursprünglicher Wildnis und künstlichen Komforts zu vereinen. Man verband das Nützliche mit dem Angenehmen und kombinierte Landwirtschaft und Garten zu einer Einheit. Daraus entwickelte sich auch das charakteristische Stilelement befestigter Gräben zur Begrenzung der Gartenanlage, den sogenannten Ha-Ha- oder Aha-Mauern. Diese Gräben sind von der Hausseite aus unsichtbar, in ihnen sind die Mauern versenkt, um den visuellen Übergang vom Garten zur Landschaft nicht zu stören. Zudem dienten sie als Einfriedung des Weidelandes für Vieh.

P1030038Im Gegensatz zu den, auf die Fernwirkung einer Landschaft ausgerichteten Barockgärten wird nun als ästhetisches Ideal ein „begehbares Landschaftsbild“ angestrebt. Die Betrachtung des Gartens soll wie die Sicht auf ein Gemälde wirken.  Die Gärten bestehen aus weiten Rasenflächen, die durch kleine Baumgruppen (Clumps) aufgelockert werden und von einem Belt Walk umgeben sind. Dieser, innerhalb der Gartengrenze verlaufende Weg, zieht sich um den Park herum und führt die Besucher_innen zu den Points of View. Die urwüchsige Landschaft wird durch natürlich gestaltete Seen, Flüsse, Wasserfälle, Felsen, wild wuchernde Uferpartien, geschwungene Wege und Staffagebauten bereichert.

Durch den aufkommenden „Gartentourismus“ gelangte der „englische Gartenstil“ auch nach Deutschland, wo er sich vom Landschaftspark, über den Volksgarten, bis hin zum heutigen Stadtpark entwickelte. Einer der bedeutendsten Gartenarchitekten und Begründer des „klassischen, englischen Landschaftsgartens“ war Lancelot „Capability“ Brown (1716-1783). Er verfügte über die Eigenschaft nahezu jede Landschaft gärtnerisch in ein harmonisches Gesamtbild zu verwandeln und mit über 200 Schöpfungen trug er maßgeblich zur Gestaltung der englischen Parklandschaft bei.

Das Jahr 2016 wird offizielles „Jahr des Englischen Gartens“. Zu diesem 300-jährigen Jubiläum englischer Gartenbaukunst und zu Ehren Lancelot Browns wird ein Festival mit einer Vielzahl von Sonderevents in zahlreichen der verschiedenen historischen Gärten Englands veranstaltet.

Staffagebauten:

eigens für Landschaftsgärten entwickelte Architektur als Schmuckelement. Häufig an zurückliegenden Stilepochen oder exotischen Vorbildern orientiert (gotische Bauten, Chinoiserien, Pagoden, Eremitagen, Ruinen,…) die aber meist nicht real nutzbar sind.

Beispiele für englische Landschaftsgärten:

Stowe in Buckinghamshire, Rousham Park in Oxfordshire, Stourhead in Wiltshire, Sheffield Park in East Sussex, Landschaftsgärten in Dessau-Wörlitz, Bergpark Wilhelmshöhe in Kassel, Gartenanlagen in Berlin-Potsdam (Sanssouci), Landschaftsgärten in Muskau und Branitz.

Wisley Garden: Mittelpunkt des englischen Gartenbaus und Wiege des englischen „garden spirit“:

Die „Royal Horticultural Society“ unterhält in Wisley (South East England) einen Garten, der als Versuchsfeld aller aktuellen Gartenansprüche genutzt wird. Hier werden Gärtner ausgebildet, Blumen, hinsichtlich der verschiedensten Qualitätsmerkmale geprüft, ausgezeichnet und verkauft, der Öffentlichkeit stehen zahlreiche unterschiedliche Schaugärten und Gewächshäuser, aber auch Gartenmärkte, Ausstellungen und Verkaufsgärtnereien zur Verfügung. Vielfältige Forschungsmöglichkeiten und die hier befindlichen nationalen Sammlungen machen Wisley zum Arbeitsplatz etlicher Spezialist_innen. Dies bescherte der ansässigen Bibliothek die größte Sammlung allen bereits existierenden botanischen Wissens und sorgt auch weiterhin für dessen stetige Erweiterung.

von Jessabelle Gleich

Lesen Sie hier die Version mit Quellen- und Literaturangaben

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