Internationale Gärten

Internationale Gärten in Deutschland

Das erste Projekt zum Thema „interkulturelles Miteinander im Gemeinschaftsgarten“ entstand Mitte der 1990er Jahre in Göttingen ausgelöst durch eine entsprechende Initiative bosnischer Kriegsflüchtlinge, die sich fernab ihrer Heimat vor allem nach ihren heimischen Gärten sehnten. Angelehnt an den Göttinger Ansatz, und somit unmittelbar aus der Praxis heraus, entwickelte sich in wenigen Jahren das Konzept der internationalen Gärten, welches mit aktuell über 485 entsprechenden Gartenbauprojekten (Stand: Januar 2016) in zahlreichen Städten Deutschlands vertreten ist. Auch angesichts der aktuell ankommenden Flüchtlinge gewinnt das Thema wieder vermehrt an Aufmerksamkeit, wie beispielsweise entsprechende Initiativen rund um die Ermekeilkaserne im Bonner Süden illustrieren.

Internationale Gärten sind eine spezielle Form des Gemeinschaftsgartens, worunter ein gemeinschaftlich bewirtschaftetes Stück Land verstanden wird. Sie zeichnen sich vor allem durch ein interkulturelles Miteinander der unterschiedlichen Akteur_innen aus. Deren Engagement verläuft dabei auf ehrenamtlicher Basis, losgelöst von etwaigen monetären Profiten. Der Garten stellt einen urbanen Ort der Subsistenzproduktion und des Freizeitausgleichs dar. Neben biologischem Gartenbau ist auch die Partizipation, individuell wie kollektiv, ein zentraler Bestandteil des Gestaltungskonzepts. Zusätzlich zu jeweiligen eigenen Anbauflächen gibt es Gemeinschaftsflächen, die ein kommunikatives Miteinander stärken sollen. Der Anbau von Obst und Gemüse ist folglich eng verknüpft mit einem kontinuierlichen sowie regen Dialog unter allen Beteiligten.

Analog zur Pflanzenaufzucht wird auch das Ankommen der Zugezogenen als ein Prozess der Verwurzelung verstanden, sodass Integration vor diesem Hintergrund zur Identitätsformation wird. Die Betonung der Gemeinschaft und des aktiven Austausches soll dabei unter anderem einer diskursiven Polarität von “Assimilation oder Parallelgesellschaft“ entgegenwirken. Der Garten wird somit zu einer Plattform für die wechselseitige Integration in transkulturelle soziale Räume – ihm wird eine vielschichtige Vermittlerfunktion zuteil.

Das Gartenprojekt dient folglich als hybrides Integrationskonzept, welches die Ankunft in Deutschland erleichtern soll. Bringen Akteur_innen bereits erste Erfahrungen im Bereich der Gartenarbeit mit, entsteht durch die gelebte Alltagspraxis eine gewisse biographische Kontinuität. Die Verbindung zur bisherigen Heimat bleibt bestehen, während gewohnte Abläufe und die Implementierung vorhandenen Praxiswissens beim Ankommen helfen. Besonders hervorzuheben ist hierbei, dass, im Gegensatz zu den häufig vorherrschenden Top-down-Ansätzen politischer Debatten, nun die ‚zu Integrierenden’ selbst zu Wort kommen und aktiv mitgestalten können. Sie bringen sich und ihr Wissen ein, erhalten eine Stimme und werden als handelnde Akteur_innen wahrgenommen. Folglich illustriert das Konzept der internationalen Gärten auf anschauliche Weise die Signifikanz einer Flexibilität der eigenen Perspektive. Es regt dazu an, von einem invariablen Ansatz abzusehen und den Blickwinkel ‚der Anderen’ nicht außer Acht zu lassen.

von Nadine Kittelberger

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