„Wenn man Erpel im Keller hätt, kann enem nix passieren“

Erinnerungen einer Zeitzeugin

Deutschland im Jahr 1945: Der Zweite Weltkrieg war vorbei, dennoch bestimmten Armut, Not und Hunger den Alltag ganzer Bevölkerungsgruppen. In den Kriegsjahren und auch nach dem Krieg war die Versorgungslage in Deutschland stark eingeschränkt. Nicht nur Städte und Dörfer waren zerstört, sondern auch landwirtschaftliche Flächen und Gärten. Auch meine Großmutter und ihre Familie waren betroffen.

Das Interview mit Frau Regina Hölzer vermittelt die bedeutende Funktion des Nutzgartens innerhalb des gelebten Alltags einer vergangenen Zeit. Die 94-jährige Zeitzeugin wurde im Jahr 1922 geboren und wuchs in Quettingen auf – heute ein Stadtteil von Leverkusen der bis zur Eingemeindung im Jahr 1975 zur Kreisstadt Opladen gehörte. Dort lebte sie unter ihrem Mädchennamen Berzen, zusammen mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder Franz, in einer kleinen Erdgeschosswohnung des ortsansässigen Bauvereins. Das Mietverhältnis umfasste einen Garten neben dem Wohnhaus. Bis zu ihrer Hochzeit im Jahr 1953 blieb Frau Hölzer bei ihren Eltern wohnhaft. Ihre Mutter kümmerte sich um den Haushalt und ihr Vater arbeitete im nahegelegenen Eisenbahn-Ausbesserungswerk der damaligen Reichs- später Bundesbahn. Ab dem vierzehnten Lebensjahr trat Frau Hölzer eine Ausbildung als Verkäuferin im Einzelhandel Konsum an.

Während des Gesprächs in Frau Hölzers Küche bei einer heißen Tasse Kaffee, erscheint die erzählte Vergangenheit trotz der gemütlichen Atmosphäre noch immer greifbar. Das nahegelegene Eisenbahn-Ausbesserungswerk, in dem in den Kriegsjahren auch Wehrmachts-Lastwagen und Kettenfahrzeuge repariert wurden und gleichzeitig der Arbeitsplatz von Hölzers Vater, war häufig Ziel alliierter Bombenangriffe. Allein am 28. Dezember 1944 flogen 400 britische Bomber über die Stadt und ließen innerhalb von 30 Minuten 1800 Bomben über Opladen, Quettingen und anderen Stadtteilen ab. Die Zeitzeugin erinnert sich: „Selbst an Weihnachten sind die gekommen.“ Durch die sogenannten Bombenteppiche standen auch die Regionen, die neben dem eigentlichen Ziel lagen, permanent unter Beschuss. So auch das Wohngebiet von Frau Hölzer. Sie berichtet, dass während des Angriffs viele Nachbarn aus ihrer Straße starben. Auch einige ihrer Schulkameraden befanden sich unter den Opfern. Die Zerstörung war immens.

vater-von-frau-hoelzerAusgelöst durch diese historischen Ereignisse, gewannen Gärten an enormer Bedeutung für die Bewältigung des Alltags. Mehr noch, sie wurden zum Mittelpunkt des Überlebens. Durch den Garten war Familie Berzen nicht abhängig von den staatlich ausgehändigten aber knapp bemessenen Lebensmittelkarten. Zusätzlich gewann die Familie durch die Selbstversorgung einen gewissen Teil an Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit zurück, was nach den Kriegsjahren und den immer noch schweren Zeiten ein Lichtblick gewesen sein könnte. Neben Obstbäumen, wie Apfel- Pflaumen- und Kirschbäumen, wurden im Garten von Familie Berzen „Kartoffeln angepflanzt, Bohnen […], Gemüse […] überhaupt“. Zusätzlich nutzten sie die Möglichkeit der Viehhaltung. So gab es in ihrem Garten Hühner, Ziegen, Kaninchen und ab und an ein Schwein. Diese Vielfalt brachte eine Menge Arbeit mit sich. Der Garten wurde zum Arbeitsplatz und das Leben war geprägt von der Versorgung der Familie. Hauptsächlich fiel dies in den Bereich der Hausfrau. So auch bei Familie Berzen. Die Mutter übernahm die anfallenden Tätigkeiten wie Pflanzen, Ernten, Jäten und die Versorgung der Tiere. Auch das Schlachten der Hühner übernahm sie selbst. Ebenso die Weiterverarbeitung der Lebensmittel wurde hauptsächlich von Frau Hölzers Mutter übernommen. Gemüse und Obst wurde saisonal verarbeitet oder für den Winter eingemacht, so dass die Versorgung über das ganze Jahr stets gesichert war. Doch auch der Rest der Familie musste bei der Arbeit im Garten mithelfen. Obwohl der Vater von Frau Hölzer eine feste Arbeitsstelle besaß, kümmerte er sich um die Kaninchen der Familie. Frau Hölzer half ihrer Mutter neben der Ausbildung, im Haushalt und bei der Ernte. „Von wegen in Urlaub fahren […]. Da mussteste mit in den Garten oder aufs Feld Kartoffeln auflesen“, bemerkt Frau Hölzer. Die Verbindung von Freizeit und Garten gab es für Frau Hölzer damals nicht. Der Garten war kein Ort zum Spielen und wurde nicht für die Freizeitgestaltung genutzt. Im Garten wurde gearbeitet und das jeden Tag. Er war ein reiner Nutzgarten. Ihren Rückzugsort suchte sich Frau Hölzer stattdessen beim Spielen im Wald oder bei der Beobachtung von Schützenfesten. Generell war die Freizeit knapp bemessen. Das Verständnis des Gartens als Arbeitsplatz wird noch an anderer Stelle deutlich. Auf die Frage nach dem Festhalten von Freizeitgestaltung in Form von Fotografien aus ihrem Garten, wiegelt Regina Hölzer ab: „Wir hatten keinen Fotoapparat. Da hatten meine Eltern kein Geld und auch schon mal gar keine Zeit zu.“ In ihren Fotoalben findet sie nur ein Bild ihres Vaters, das ihn im Garten vor seinen Kaninchenställen zeigt. Aufgenommen wurde es von einem Nachbarn, der ansonsten „Kinder in der Schule fotografiert[e], wenn die in die Schule gingen oder an der Kommunion“. Der Garten war ein Ort des Alltags, nur besondere Lebensabschnitte wurden festgehalten.

Durch den Krieg und die damit verbreitete Armut und Hilflosigkeit entwickelte sich bei Familie Berzen ein Bewusstsein vom sparsamen Umgang mit Materialien und Ressourcen. Ein Streben nach Wiederverwertung und Nachhaltigkeit herrschte vor. So erinnert sich Frau Hölzer an die Verwertung der Kaninchen. Jeden Sonntag gab es bei Familie Berzen ein Kaninchen. Doch nicht nur das Fleisch wurde verwertet, auch der Rest des Tieres wurde weiterverarbeitet: „Die Felle, die hat der dann saubergemacht und getrocknet. Dann war da ein Mann, der nahm dann die Felle und dann konnte man daraus Besätze, an den Stulpen oder an nem Kragen machen lassen. […] Das wurde alles verwertet. Da fanden sich immer die passenden Handwerker zu […].“Die geschäftlichen Verhältnisse wurden geprägt durch den Austausch von Fertigkeiten und Waren.

Das Privileg, einen eigenen Garten zu bewirtschaften besaß jedoch nicht jeder. Vor allem in den Städten waren Gärten und freie Grünflächen ein rares Gut. Durch die Armut und den Hunger getrieben, kam es daher häufig zu Diebstählen in den privaten Nutzgärten. „Dann waren da die Leute die da nachts gingen und taten Ernten […]. Das waren Diebe! Die gingen dann und taten Kartoffeln auskrabbeln. Da hat meine Mutter und mein Vater […] auch die Nachbarn, ham dann nachts regelrecht Wache gemacht“, erzählt Frau Hölzer. Während das heimliche Pflücken eines Apfels heutzutage als Kinderstreich angesehen wird, galt der Diebstahl in den Gärten als direkter Angriff auf die eigene Existenz. Frau Hölzer bestätigt weiter die vorherrschende Not in den Städten: „Da haben se mal einen geschnappt, der kam von Mülheim, von Köln Mülheim mitm Fahrrad.“ Die beschriebenen Diebstähle geben einen weiteren Hinweis auf die Funktion des Gartens während der Nachkriegszeit. Er wurde auch zum Ort, der Menschen verbindet. Über den Garten wurde mit der Nachbarschaft kommuniziert und interagiert. Durch den Garten wurden Nachbarschaftsverhältnisse gebildet und gepflegt. Er prägte also nicht nur das Familienverhältnis, sondern auch die sozialen Beziehungen der umliegenden Anwohner.

Eine weitere Möglichkeit, neben den Lebensmittelmarken und ohne einen eigenen Garten an Nahrungsmittel zu gelangen, bot der Schwarzmarkt. Frau Hölzer berichtet von ortsansässigen Bauern, die ihre persönlichen Vorteile aus der Not der ärmeren Bevölkerung zogen: „[…] der Bauer der da unten in der Kurve gewohnt hat, da konnteste hingehen und tauschen. Da mussteste irgendwas mitbringen, da kriegteste nen Liter Milch. […] Da hat manch einer lieb gewordenen Sachen weggeben.“ Gegenstände, vielleicht mit persönlichen Erinnerungen aufgeladen, wurden gegen Lebensmittel getauscht. An Konsumgüter und Materialismus, wie es heutzutage fast üblich erscheint, war in der Nachkriegszeit nicht zu denken. Das Leben war geprägt vom Gedanken des Überlebens und der Versorgung der Familie. Lebensmittel waren das höchste Gut und wurden von einigen Personen zur persönlichen Bereicherung ausgenutzt. Frau Hölzer erinnert sich an die Aussage: „De Buren han de Perserteppiche im Kuhstall jetzt“. Dieser Spruch, möglicherweise von ihren Eltern übernommen, weist auf eine Unzufriedenheit zwischen den verschiedenen Gesellschaftsschichten und die generelle Lebenssituation hin. Da der Hunger den Alltag bestimmte, konnten die Bauern jeden Preis für ihre Ware verlangen.

Die Aussage von Frau Hölzer „Wenn man Erpel im Keller hätt, kann enem nix passieren“ (Erpel = Kartoffeln) fasst das alltägliche Leben und die Funktion des Gartens während der Nachkriegszeit aus kulturwissenschaftlicher Perspektive zusammen.

Das Gespräch mit Frau Hölzer bietet einen qualitativen, aber auch subjektiven Blick auf die Nutzung und Funktion des Gartens während der Nachkriegszeit in Bezug auf den gelebten Alltag. Durch die Methode des narrativen Interviews gelingt es subjektive Wahrnehmungen und Erinnerungen des alltäglichen Lebens zu erheben und zu erforschen. Gerade Interviews mit Zeitzeugen können diese Aufgabe erfüllen und sind darüber hinaus sehr wichtig, da nur so die direkten Erinnerungen erfasst werden können. Dabei gilt es allerdings stets zu beachten, dass dies nur innerhalb eines kleinen, subjektiven Feldes auf der Mikroebene geschieht. Ziel dabei kann es sein, das beobachtete und analysierte Forschungsfeld auf eine höhere Deutungsebene zu heben. Ähnliche Studien können verglichen werden, um ein umfassenderes Bild der Zeit und des jeweiligen kulturellen Milieus betrachten zu können. Darüber hinaus muss auch die Wahl der InterviewpartnerIn während der Forschung reflektiert werden, da diese Auswahl das Ergebnis der Forschung beeinflussen kann. Zunächst erscheint die eigene Großmutter als Interviewpartnerin als eine einfache Wahl. Das bestehende und gute Verhältnis zwischen ForscherIn und InterviewpartnerIn ist bei einem narrativen Gespräch zunächst von positivem Vorteil, da so die Bedingungen des qualitativen Interviews, eine annähernd alltägliche Gesprächsführung, nicht künstlich erzeugt werden müssen, sondern natürlich gegeben sind. Allerdings stellt auch die Beziehung Enkelin – Großmutter die ForscherIn vor einige Herausforderungen und Besonderheiten, die es zu beachten und zu reflektieren gilt. Schmidt- Lauber merkt an, dass es „nötig ist, […] sich als Forscher sowie den Umgang mit den Informanten umso kritischer zu befragen“. Bei der Analyse der Daten muss berücksichtigt werden, dass die Möglichkeit besteht, dass auch eine Großmutter ihr Selbstbild, welches sie gegenüber ihrer Enkelin aufgebaut hat, wahren will. Motivation können hierbei unteranderem ein Beschützerinstinkt, die persönliche Beziehung und das gesamte Familienverhältnis sein. Auch eigene Handlungen der Großmutter aus ihrer Vergangenheit, die sie als unangenehm empfindet, können Auslöser für ein „Nicht erzählen“ sein. Besonders bei einem negativ besetzten Thema wie der Kriegs und Nachkriegszeit, besteht die Möglichkeit, dass etwas verschwiegen wird. Ob dies bewusst oder unbewusst geschieht, kann nicht festgestellt werden. Außerdem muss die ForscherIn selbst aktiv werden und versuchen die eigene, gewohnte Rolle zu verändern und zu überwinden. Das Gespräch muss, anders wie in einem alltäglichen Gespräch mit der Großmutter, an gewissen Stellen geleitet werden. Natürlich nicht im Sinne eines Leitfadeninterviews, aber die gewohnte Kommunikation muss unterbrochen werden. Des Weiteren muss sich die ForscherIn – nüchtern betrachtet – die gesamte Person mit einem neuen, ungewohnten Abstand betrachten. Die Möglichkeit besteht, dass eine 94-jährige Dame sich womöglich nicht an alles erinnert, oder unbewusst ausgeblendet hat. Besonders wenn es um negative Erinnerungen geht, wie die Kriegs- und Nachkriegszeit, ist dies denkbar. Es gilt festzuhalten, dass die ForscherIn vor allem in dieser besonderen Situation ihr Verhältnis zum InterviewpartnerIn, den InterviewpartnerIn selbst und auch die eigene Person vor, während und nach der Forschung reflektiert. Die Rollen werden für einen Moment verändert.

von Lena Hölzer

Lesen Sie hier die Version mit Quellen- und Literaturangaben

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