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Jägerzaun

Der Jägerzaun, auch Scheren- oder Kreuzzaun genannt, entstammt noch einer Zeit, in der Adelige die Hoheit über die Wälder besaßen. Um auch ja immer genug Wild vor der Hundemeute zu haben, ließ die Aristokratie den Wildbestand im Forst übermäßig anwachsen – eine Gefahr für die anliegenden Gärten von Bäuer_innen und einfachem Volk. Letzterem wurde gewährt, sich kostenlos Holz zu schlagen, um die Ernte durch einen Zaun vor dem Wildverbiss zu schützen. Die überlappenden, kreuzförmig angeordneten Latten lassen sich für den Transport ziehharmonika-ähnlich zusammenschieben und bilden auch heute noch, neben dem Lattenzaun, die wahrscheinlich populärste Garten- und Grundstücksbefriedung. Seine praktische Funktion der Tierabwehr hat der Jägerzaun heute weitgehend verloren, die zirka 80 Zentimeter hohen Gestelle bilden aber auch für Menschen kein Hindernis, wären sie mit einem großen Schritt doch ohne Weiteres zu überwinden.

Andreas Egger, der Protagonist von Robert Seethalers Roman „Ein ganzes Leben“, zeigt, weshalb es Menschen doch noch wichtig sein kann, einen Zaun um das eigene Hab und Gut zu ziehen. Nach dem beschwerlichen Zusammensparen seines Geldes, kauft sich Egger ein kleines Stück Land: „Ganz zum Schluss zog er einen niedrigen Zaun um sein neues Heim und baute ein Gattertürchen, und zwar ausschließlich zu dem Zweck, es irgendwann einmal einem eventuell vorbeikommenden Besucher aufhalten zu können.“

Heute, da äsende Rehe sowohl auf dem Dorf als auch in der Großstadt zumeist kein Problem mehr darstellen, bieten die Zäune dem Haus- und Gartenbesitzer einen symbolischen Schutz, die Idee von Sicherheit und Privatsphäre. Das seiner ursprünglichen Funktion beraubte Artefakt Zaun kann darüber hinaus heutzutage ganz unterschiedliche Bedeutungen haben: Wie etwa der Stolz und das Glück Andreas Eggers über seinen Besitz, die Abgrenzung zur benachbarten Straße, die Aversion gegen einen bestimmten Nachbarn und, und, und. Doch woher kommt jener Wille, sich gegen andere abzugrenzen? Noch im Spätmittelalter gab es keine klare Trennung zwischen öffentlichem und privatem Raum, viele Alltagshandlungen geschahen unter den Augen der anderen, in Dörfern kontrollierte der eine den anderen. Das 19. Jahrhundert aber brachte eine Wende in der Geschichte der Privatheit: „ Aus der Gemeinschaft ist eine riesige anonyme Menschenmenge geworden, in der keiner keinen mehr kennt. Arbeit, Freizeit und Familie sind nun unterschiedliche gegeneinander abgegrenzte Lebens- und Tätigkeitssphären. Man will sich vor den Blicken der anderen schützen“, Zäune, Mäuerchen und Hecken umgrenzen nun, wo die Zahl der Nachbar_innen und Mitmenschen, die man nicht mehr alle kennen kann, größer ist, das Hab und Gut…

Besitzen Sie einen Zaun? Oder vielleicht eine Hecke? Wenn ja, warum nutzen Sie die natürliche Bepflanzung anstelle der artifiziellen? Und warum haben Sie heutzutage überhaupt noch diese kleine Holzkonstruktion, die jeden Einbrecher zum Lachen bringt? Manchmal können alltägliche Gewohnheitsdinge ganz schön fremd sein…

Quellen:

Ariès, Philippe/Georges Duby (Hrsg.): Geschichte des privaten Lebens 3. Von der Renaissance zur Aufklärung. Frankfurt am Main 1991

Internetpräsenz der Firma Scheerer, Zaunsysteme und Carports. Online unter: http://www.scheerer.de (zuletzt abgerufen am 24.04.2016)

Seethaler, Robert: Ein ganzes Leben. München 2016

von Milena Rabe

Lesen Sie hier die Version mit Fußnoten


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