Oh du schönes Landleben!

Medial inszenierte Ländlichkeit am Beispiel der Landlust

 

Unter anderem auch begünstigt durch TV-Sendungen, Bücher, Zeitschriften und die entsprechende Rezension derselben, erlebt das Thema Landleben in den letzten Jahren eine regelrechte Hochkonjunktur. Wirtschaftlich gesehen wird Ländlichkeit dabei zur Marke, die sich, unter anderem bedingt durch ihre vage Charakterisierung, in diversen Formen einsetzen und realisieren lässt. Ob als Familienurlaub auf dem Bauernhof, dem Ausflugsziel „Landcafé“, oder auch in Form von Einkaufsangeboten mit entsprechend aufbereitetem Warenangebot, die Umsetzungsmöglichkeiten sind vielfältig. Primäre Zielgruppe dieses über die Sinne organisierten (Einkaufs-)Erlebens sind die sogenannten „Lohas“ (Lifestyle of Health and Sustainability), eine in den letzten Jahren neu konstruierte Konsumentengruppe von Gutverdienenden, die sich durch ein Streben nach „Lebensqualität, Genuss und pragmatische[n], an individuellen Interessen orientierte[n] Konsumentscheidungen“ auszeichnet. Auf einer gedanklichen Grundlage von „[q]ualitativ gut ist etwas, wenn es den eigenen Überzeugungen entspricht“, werden durch den Konsum des vermeintlichen Landlebens neue Wertigkeiten geschaffen.

Basteln, Stricken sowie Backen scheinen genauso angesagt zu sein wie Blümchenmuster und der Anbau des eigenen Gemüses, und was „vor wenigen Jahrzenten mit Rückwärtsgewandtheit verbunden war, ist […] heute eine Ausprägung des modernen Lifestyles.“ Während aus einer gegenwärtigen kulturanthropologischen Perspektive die Begriffe Stadt und Land keineswegs als statische dichotome Pole zu verstehen sind, suggerieren aktuelle Mediendiskurse eine immanente Dialektik derselben. Über kontinuierlich genutzte idyllische Semantisierungen, wie etwa „ausgeglichen“ und „authentisch“ oder „traditionell“ und „altbewährt“, werden ästhetische Vorstellungen davon erzeugt, wofür das vermeintliche Landleben steht und inwiefern es sich von einem Leben in der Stadt unterscheidet. Diese Konstruktionen schöpfen dabei auch aus historischen Beständen und greifen auf präfigurierte Bilder, die es in ähnlicher Ausprägung beispielsweise bereits während der voranschreitenden Industrialisierung des 19. Jahrhunderts gab, zurück. Medienprodukten kommt in diesem Zusammenhang eine Doppelfunktion zu, da sie gleichermaßen repräsentieren, aber auch aktiv einwirken, indem sie konstruieren und präsentieren. Doch wie werden dabei bestimmte Bilder vom Landleben konstruiert? Und darüber hinaus, wie gehen Rezipient_innen mit den ihnen zur Verfügung gestellten Wissensbeständen um? Unter Einbezug aktueller kulturanthropologischer Forschungen zum Thema sowie eigener Untersuchungsergebnisse, wird der vorliegende Beitrag sich dieser Fragen annehmen. Als Fallbeispiel dient hierbei die Publikumszeitschrift Landlust, da sie unter anderem als erste und gleichermaßen als erfolgreichste „Landzeitschrift“ gilt, deren Popularität als Signalwirkung für die Etablierung ähnlicher Formate interpretiert wird.

Mediale Konstruktionen – Die Landlust und ihre „schönsten Seiten des Landlebens“

Herausgeber der erstmalig im November 2005 veröffentlichten Landlust ist der Landwirtschaftsverlag Münster, der sich ursprünglich schwerpunktmäßig auf Agrarfachzeitschriften spezialisiert hatte. Dem sonstigen Verlagsprogramm entsprechend, soll sich auch die Landlust nach eigener Aussage durch eine „hohe Wertigkeit im Auftritt, sachkundige Beiträge und [einem] praktischen Nutzwert der Inhalte“ auszeichnen, weswegen sich das Redaktionsteam primär aus Fachpersonal mit entsprechendem Wissenschaftshintergrund, etwa in den Agrarwissenschaften oder der Ökotrophologie, zusammensetzt. Die dabei zugrundeliegende Botschaft, die unter anderem durch die Zeitschrift selbst sowie durch Rezensionen derselben artikuliert wurde, ist eindeutig: Die Leser_innen sollen sich auf die fachliche Richtigkeit und Qualität der vermittelten Inhalte zum Thema Landleben verlassen können.

Die Inhalte der multithematischen Zeitschrift werden im Rahmen von fünf feststehenden Hauptrubriken vermittelt, welche sich entsprechend der „Vermittlung von gärtnerischem Wissen“(Im Garten), Rezepten und gastronomischen Ausflugszielen (In der Küche), Bau- und Bastelanleitungen die Wohnräume (Ländlich wohnen) sowie den Außenbereich (Landleben) betreffend und dem sinnlich-visuellen Erleben von Natur (Natur erleben) widmen. Ergänzt werden diese durch die unter Rubriken zusammengefassten Kurzbeiträge, die den unterschiedlichen Artikeln thematisch zugeordnet sind und beispielsweise Literatur-, Veranstaltungs- oder Kauftipps enthalten sowie den Standardbeiträgen Editorial, Leserbriefe, Impressum/Vorschau. Der Aufbau, die optische Gestaltung und die thematische Ausrichtung der Landlust sind insgesamt von Beständigkeit geprägt, sodass die Leser_innen wissen, was sie erwartet. Durch den zweimonatigen Erscheinungstermin und den Umfang der in der Zeitschrift abgedruckten, meist mehrseitigen Beiträge, liegt der Fokus auf dem ausführlichen Lesen der Texte. Die thematisierte Entschleunigung kann so, abhängig vom jeweiligen Leseverhalten, auch Einzug in die Praxis der Rezeption erhalten.

Die durch eine leicht verständliche, poetisch anmutende Sprache vermittelten Inhalte orientieren sich an Jahreszeiten, Regionalität, Traditionen und zeichnen sich kontinuierlich durch Sensationsarmut aus. Die dabei von der Landlust „angestrebte Qualität und Bodenständigkeit […] wird auf das Layout übertragen“, welches von einer serifenlosen, in gedeckten Naturtönen gehaltenen typografischen Gestaltung und visuell prädominierenden, häufig großformatigen Fotoaufnahmen geprägt ist. Letztere zeigen vor allem Natur-, Landschafts- und Tierbilder. Menschen werden in Relation hierzu eher selten abgebildet, was „größere Imaginations- und Wahrnehmungsmöglichkeiten in Bezug auf die dargestellten Inhalte“ seitens der Rezipient_innen ermöglicht. Ausnahme bilden die regelmäßig vorgestellten Handwerksberufe und Hobbies oder familienzentrierten Themen, im Rahmen derer Traditionen, Bodenständigkeit, Echtheit und Ursprünglichkeit betont werden. Thematische Teilüberschneidungen innerhalb der jeweiligen Hauptrubriken, der Umfang der häufig mehrseitigen Artikel sowie die Ergänzung derselben durch detaillierte Zusatzinformationen, grafische Anleitungen, Lage- und Ortspläne erwecken zudem den Eindruck, Inhalte ausführlich, nachvollziehbar und in unterschiedlichen Facetten vermittelt zu bekommen. Durch diese Art der Wissensvermittlung werden Leser_innen explizit zum Nachbauen, -kochen und Selbermachen animiert.

Trotz der zugrundeliegenden gestalterischen Konstanz, Sachlich- und Gründlichkeit, ist das in der Landlust gezeichnete Bild des „wahren Landlebens“ als solches kritisch zu hinterfragen. Wie bereits der ehemalige Untertitel der Zeitschrift verdeutlichte, konzentriert sich diese thematisch nämlich ausschließlich auf „[d]ie schönsten Seiten des Landlebens“ und unterstellt dabei mit durchweg idyllischen Darstellungen eine gewisse Homogenität ländlicher Räume. Dass die tatsächlichen gegenwärtigen Gegebenheiten äußerst komplex und durchaus auch von Nutzungskonflikten, Umweltproblemen, Tierseuchen oder raumplanerischen Problemen betroffen sind, wird nicht thematisiert. Auch nicht, dass kleine Bauernhöfe kaum mehr mit spezialisierten Großbetrieben konkurrieren können. Stattdessen vermittelt die Landlust

„ein Bild von gesunder Natur (durch grüne Landschaften und Tiere), Langsamkeit (durch lange Texte und stimmungsvolle, detailgenaue Bilder), Tradition (durch alte Handwerksberufe), Genuss (durch Kochrezepte) und Kreativität (durch Bastelanleitungen, handarbeiten und Gartenarbeiten).“

Durch diese Einseitigkeit und den Fokus auf Sphären des „Eigenen“ konzentriert sich die Landlust in erster Linie auf einen durch sie postulierten Lebensstil und weniger auf siedlungsstrukturelle ländliche Räume.

Mit diesem Ansatz hat die Landlust großen Erfolg, denn sie zählt nach wie vor zu den auflagenstärksten deutschsprachigen Zeitschriften und erreicht somit regelmäßig ein numerisch großes Publikum, das jene konkrete Vorstellung des Landlebens „konsumiert“. Statistisch gesehen besteht die Leser_innenschaft der Landlust, nach einer Zielgruppenanalyse des Landwirtschaftsverlags, zu zwei Drittel aus Frauen, gehört vor allem zur Altersgruppe 40 bis 59 und zeichnet sich „durch einen gehobenen Lebensstil und einen überdurchschnittlichen finanziellen Spielraum aus“, was sie der eingangs thematisierten Gruppe der Lohas zuordnet. Die Leser_innen wohnen zudem mehrheitlich (75%) „in einem eigenen Haus und noch mehr haben einen eigenen Garten“, was vermuten lässt, dass ein Großteil der Leser_innen über gewisse Erfahrungswerte hinsichtlich handwerklicher und gärtnerischer Tätigkeiten verfügen könnte. Doch wie Timo Heimerdinger bereits in Bezug auf Ratgeberliteratur feststellte, „[k]aufen ist nicht gleich lesen, lesen ist nicht gleich ganz lesen“, weswegen es gilt, im nachfolgenden Schritt konkrete, mit der Landlust verbundene Nutzungspraktiken zu hinterfragen. Wie gehen Kosument_innen mit dem vermittelten Wissen, den Bildern und Handlungsanleitungen um? Wie fließen diese in ihre Alltagswelten ein?

Nutzungspraktiken – Zwischen Eskapismus und aktiver Gestaltung

Einen möglichen Zugang bieten in diesem Zusammenhang die Leserbriefe, im Rahmen derer  die Rezipient_innen aktiv zu Wort kommen. Ihnen ist an der immer gleichen Stelle, zu Beginn einer jeden Ausgabe, unmittelbar nach den Begrüßungsworten der Chefredakteurin Ute Frieling-Huchzermeyer im Rahmen des Editorials sowie dem optisch größtenteils von Fotos dominierten Inhaltsverzeichnis, eine Doppelseite gewidmet. Die abgedruckten Zuschriften beziehen sich stets auf bis zu 15 Beiträge der vorangegangenen Landlust-Ausgabe(n) und obliegen augenscheinlich keiner festen Reihenfolge. Allerdings umfassen sie ein Repertoire an wiederkehrenden Elementen (Lob, Kritik, Ergänzungen), im Rahmen derer die Leser_innen häufig sehr detailliert auf die jeweiligen mitzuteilenden Aspekte eingehen. Dies vermittelt den Eindruck, dass die Artikel zum Teil sehr gründlich gelesen werden.

Bezogen auf ihren Stellenwert, wird die Landlust demnach regelmäßig aktiv als Mittel zum Ausgleich genutzt. So beschreibt ein Leser:

„Vergleicht man die Inhalte der Tageszeitungen, die alle Unzulänglichkeiten dieser Welt genüsslich breit treten [sic], mit den Inhalten Ihrer Zeitschrift, dann ist die Lektüre der ‚Landlust’ Labsal für alle nach Frieden und Freude, nach Glück und Geborgenheit schmachtenden Seelen.“

Bekräftigt wird diese Erklärung durch ähnliche Leserbriefe, die die Landlust als „Gegengewicht […] in einer nicht immer ganz schönen Welt“ beschreiben. Dem Lesen der Artikel und Betrachten der Bilder wird somit eine eskapistische Komponente zugesprochen, die es den Leser_innen ermöglicht, sich bei Bedarf aktiv in eine konstruierte Lebenswelt zurückziehen. Ein weiterer Aspekt, der in diesem Zusammenhang ebenfalls wiederholt angesprochen wird, ist der Wunsch nach Ruhe und Entschleunigung als Gegenpol zu „einer technisch komplexen Welt“:

„Für mich ist die Landlust Ausdruck einer Gegenbewegung, gegen die Vereinnahmung durch die E-Medien. Die Wahrheit ist, dass wir täglich zugemüllt werden mit Informationen, die wir nicht brauchen. Ich habe mich von diesem Druck befreit. Die Informationsflut habe ich geschickt um mein Zuhause „umgeleitet“. Die Landlust aber zeigt Präsenz in meinen vier Wänden.“

Der Lesevorgang wird dabei als Genuss beschrieben, als etwas, für das man sich durchaus auch mehrere Stunden Zeit nimmt. Der Konsum der durch die Landlust produzierten (medialen) Ländlichkeit besteht hier primär aus dem visuellen Aufnehmen der dargestellten Inhalte sowie aus dem aktiven Rückzug aus sonstigen alltäglichen Handlungsabläufen. Wo diese „imaginierte Raumpraxis“ vollzogen wird, scheint dabei eher sekundär zu sein, denn „Ländlichkeiten bzw. Idyllen des eigenen Bereichs lassen sich prinzipiell überall herstellen“, wie beispielsweise Leserbriefe aus dem Indien-Urlaub belegen.

Doch die Landlust dient ihren Leser_innen nicht nur als Rückzugsmöglichkeit, vielmehr werden durch sie vermittelte Wissensbestände auch aktiv angewendet. Vorgegebene Bau- und Bastelanleitungen werden beispielsweise detailgetreu realisiert, eigene Ideen daraus abgeleitet oder thematisierte Ausflugsziele besucht. Durch diese konkreten Praktiken des Selbermachens wird eine aktive Ästhetisierung des Alltags vollzogen, denn die „schönen Dinge werden in das eigene Leben integriert […] und das offensichtlich nicht nur von einigen wenigen kreativen Ausnahmen“. Die Reichweite dessen zeigte sich bereits in Bezug auf eine Bastelanleitung der Landlust-Weihnachtsausgabe 2011, im Nachklang derer Leser_innen von ausverkauften benötigten Utensilien berichteten – ein Zustand, der sich in der Osterzeit 2015 gar wiederholte. Durch das Basteln, Bauen, Dekorieren und Gestalten werden die Landlust-Imaginationen für die Nutzer_innen ein physisch-greifbarer Bestandteil ihrer Umgebung.

Der Wunsch, das durch die Landlust gezeichnete Bild in das eigene Leben zu implementieren, zeigt sich schließlich auch in der Tätigkeit des Briefeschreibens selbst. Etwa durch die Schilderung eigener Erfahrungswerte, deren Beleg durch Fotos und die Ergänzung des von der Landlust zur Verfügung gestellten Wissens durch eigene Anekdoten oder Hinweise. Auch das Äußern von Kritik hinsichtlich inhaltlicher Lücken einzelner Artikel oder darin vermittelter Werte – Beispiele sind hier das Tragen von Pelzen oder die Stilisierung abgerissener Blüten zur Kunst – stellen Bemühungen dar, aktiv an der Wissensproduktion rund um das Thema Ländlichkeit mitzuwirken. Das von der Landlust zur Verfügung gestellte Wissen wird je nach Leser_in angenommen, abgelehnt oder auch modifiziert. Die diskursiven Aushandlungsprozesse im Zuge der Zuschriften illustrieren, dass es klare Vorstellungen davon zu geben scheint, welche Themen, Aspekte, Bilder und Wertvorstellungen die Rezipient_innen als für ihre Zeitschrift passend empfinden. Gleichermaßen erfüllt die Landlust auch eine affirmative Funktion, wenn die behandelten Themen sowie vorgestellten Praktiken die Leser_innen in ihrem Handeln und ihrer mentalen Disposition bestätigen: „Wir haben alles richtig gemacht.“ Sie dient diesbezüglich somit auch als Orientierungshilfe.

Den Zuschriften ist zu entnehmen, dass sich die Leser_innen auch außerhalb der Zeitschrift begegnen, weswegen sie sich als Teil einer größeren Gemeinschaft wahrnehmen. Ein zufälliges Zusammentreffen beschreibt eine Leserin wie folgt:

„Beim Schlendern über das Stadtfest und gut gelaunt nach einem Glas Sekt lockte mich das Second-Hand-Blumenkleid. Mit dem Zuspruch meiner Freunde wechselte das Kleid für runtergehandelte 5 Euro in meinen Besitz. Nachdem ich meine Errungenschaft in der Tüte versenkt hatte, kam aus dem Hinterhalt eine Stimme: ‚Lesen Sie auch die Landlust?’ Wehmütig wollte die Dame mir das Kleid für sage und schreibe 6 Euro abkaufen, um daraus ein Kissen à la Landlust zu nähen.“

Darüber hinaus schildern Leser_innen auch wiederholt, wie sie ihrer empfundenen Zugehörigkeit zu einer Landlust-Community mithilfe konkreter Zeichen und Symbole, zum Beispiel in Form eines von einem Leser eigens dafür angefertigten, nicht im Handel erhältlichen Autoaufklebers, aktiv Ausdruck verleihen. Die explizite Suche nach einer auf individuellen Idealen basierenden Gemeinschaft kann als Ausdruck „der Sehnsucht, sich mit sich und der Welt neu zu verbinden“ interpretiert werden.

Aufgrund einer ihr durch die Leser_innen zugesprochenen Wertigkeit, etwa als Nachschlagewerk mit Vorbildfunktion für ihresgleichen, wird die Landlust auch zu einem Objekt der Distinktion. Mit der Begründung, es sei zu schade sie „nach der Lektüre einfach zu entsorgen, […] da es sich immer wieder lohnt, auch ältere Exemplare noch einmal zur Hand zu nehmen“, werden die Ausgaben gesammelt und repräsentativ in den eigenen Wohnräumen abgelegt. Dabei werden sie mitunter zwischenzeitlich auch umfunktioniert, zum Beispiel zu einer durch Gurte gehaltenen DIY-Sitz-/Abstellgelegenheit. Eine andere Leserin schreibt:

„Ich bin von Eurer Zeitschrift so begeistert, dass ich mich davon nicht trennen kann. Deshalb habe ich die ‚Winterausgaben’ als Stiefelschaftspanner umgewidmet. Wenn ich meine Stiefel wieder benötige, ist es auch wieder die richtige Zeit, die Zeitschriften durchzustöbern.“

Aus den Zuschriften geht ebenfalls hervor, dass die Landlust vor diesem Hintergrund aktiv empfohlen, verliehen oder auch verschenkt wird. Insgesamt lassen sich anhand der Leserbriefe also konkrete Funktionen ablesen, die die Zeitschrift für ihre Rezipient_innen erfüllt.

Medial inszenierte Ländlichkeit am Beispiel der Landlust

Basierend auf der vorliegenden Untersuchung der ersten und gleichermaßen erfolgreichsten deutschsprachigen Landzeitschrift Landlust, lässt sich zusammenfassend konstatieren, dass eine aktuelle (medien-)diskursiv ausgehandelte Wahrnehmung ländlicher Lebenswelten primär auf idyllischen Konstruktionen basiert. Durch den Fokus auf Einfachheit, Traditionen, Entschleunigung und ein bewusstes Erleben der Umwelt sowie das explizite Ausklammern negativer Aspekte landwirtschaftlicher Realitäten wird eine Gegenwelt kreiert, die als Projektionsfläche für die eigenen Sehnsüchte dient. Die Rezeption dieser idealisierten Repräsentationen wird, wie den Leserbriefen zu entnehmen ist, als genussvolle Freizeitgestaltung praktiziert, die sich durch den aktiven Rückzug aus den sonstigen alltäglichen Abläufen und Verpflichtungen auszeichnet. Durch großformatige und positive Bilder, detaillierte Schilderungen und eine blumige Sprache wird Ländlichkeit zu einer über die Sinne organisierten Erfahrung. Darüber hinaus werden die vermittelten Wissensbestände vielfältig und aktiv, vor allem durch die Umsetzung der Bau- und Bastelanleitungen, in die individuellen Lebenswelten integriert. Die damit verbundenen Praktiken des Selbermachens werden als Ausgleich, Selbstbestätigung und Ausdruck von Individualität empfunden. Die Landlust dient folglich als Mittel zur Ästhetisierung des eigenen Alltags, wodurch das Konzept Ländlichkeit zu einem bewusst gewählten und von dynamischen Aushandlungsprozessen geprägten Prinzip der Lebensführung wird. Durch den aktiven Austausch im Rahmen der Zuschriften sowie im Zuge von Zufallsbegegnungen oder bewusst gesuchten Gesprächen mit dem eigenen sozialen Umfeld, wird aktiv eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten geschaffen. Diese positive Resonanz imaginierter Ländlichkeit lässt somit auch Rückschlüsse auf eine „gegenwärtige Befindlichkeitslage der Gesellschaft“ zu, die zum Teil „des Konsums, der Geschwindigkeit und der Technisierung überdrüssig zu sein scheint“ und aktiv nach Alternativen sucht.

von Nadine Kittelberger

Lesen Sie hier die Version mit Quellen- und Literaturangaben

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