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Paradies

Das in nur 50 Zeilen beschriebene biblische Paradies heißt Garten Eden. Da, wo die Kelten ihren Apfelgarten Avalon und die Griechen die Insel der Seligen hatten, findet sich in der Bibel ein Garten voller Bäume und Nahrung im Überfluss. Vier Flüsse, zwei davon Euphrat und Tigris, strömen durch diesen Garten, bewässern ihn und umfließen das Gold des Edens. Hier leben Adam und Eva in Frieden und Freiheit. Sie sind sich ihrer Nacktheit nicht bewusst und leben ohne Mühen. Doch wie wir wissen, beenden die verschlagene Schlange und die gutgläubige Eva den Aufenthalt im Paradies.

Auch wenn Historiker_innen, Bibelforscher_innen und Archäolog_innen immer wieder meinen, kleine Hinweise des uralten Textes entschlüsseln zu können, ist weiterhin ungewiss, ob es den Garten Eden gab und falls ja, wo er lag. Für jede_n Hobbygärtner_in, für jede_n begeisterte_n Kornblumenzüchter_in, jede_n Schwimmteichtieftaucher_in dürfte aber klar sein, dass die Bibelidee des Edens nicht von ungefähr kommt: Wo lebt es sich friedvoller, glücklicher und paradiesischer als im eigenen Garten? Bereits in den 70er Jahren des 18. Jahrhunderts gab es eine erste Hochphase des Gartenwunsches unter den Bürger_innen; in der frühen Gartenlust spiegeln sich gesellschaftliche Veränderungen wider: Luftverpestung und die Enge der Städte zur frühen Zeit der Industrialisierung evozierten die Sehnsucht nach dem grünen Idyll, welche zur Mitte des 19. Jahrhunderts und mit den immer weiter expandierenden Städten allerdings ein vorübergehendes Ende fand. Schreber- und Volksgärten Jahrzehnte darauf waren wiederum Spiegelflächen des gesellschaftlichen Umbruchs: Sozial Engagierte legten diese umzäunten paradiesischen Flecken für die „kleinen Leute“ an. Es kommt nicht von ungefähr, dass sich auch heute in Zeiten von zunehmender Verstädterung und immer häufigeren Bürojobs Menschen wieder nach der Natur, nach ihrem Ruhepol im Freien sehnen. Auch wenn es nicht im nackten Zustand wie Adam und Eva sein muss, das Ausspannen im Grünen ist ein neu entdeckter Luxus, der jedem und jeder ans Herz gelegt sei. Dreck unter den Fingernägeln, dornige und durchlöcherte Jeans am Abend erfreuen das Gärtner_innengemüt. Nicht zuletzt an der weit verbreiteten Verwendung der Begriffe „Eden“ oder „Paradies“ im Namen von Kleingartenvereinen wird diese Vorstellung vom eigenen Garten als Paradies sichtbar.

Quellen:

Schulz, Matthias: Wegweiser ins Paradies. In: Der Spiegel 23/2006 online unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-47134822.html

Van Dülmen, Andrea: Das irdische Paradies. Bürgerliche Gartenkultur der Goethe-Zeit. Köln 1999

von Milena Rabe

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