Q wie…

Quitte

Obgleich Pflanzen sich selbst wenig darum scheren, ob sie gerade hip sind oder nicht – wir Menschen hegen immer wieder Vorlieben in der Auswahl des angebauten Obstbaumes in unserem Garten. Eine Frucht erlebte neulich erst ihr Comeback, wenn sie auch in den letzten Jahren etwas vernachlässigt wurde und als altmodisch verschrien war: die Quitte. Sie tritt an dieser Stelle als Beispiel für einen aktuellen Ernährungstrend auf, der Altbewährtes in Augenschein nimmt und sich „[wiederbelebte] und neu formulierte Traditionen und Werte (soziale und ökologische Verantwortung)“ und „bewussteren Konsum“ zum Ziel macht. Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten, ohne durch Pestizide verseucht oder gar genmanipuliert zu sein, ist angesagter denn je. Retro als Alternative zu Konsum und Kapitalismus. Ein Trend, der uns fast vergessene Köstlichkeiten – wie Pastinaken, Schwarzwurzeln oder Mangold – auf den Essenstisch kredenzt. Oder eben die Quitte.

Ein Blick in die Vergangenheit und in Marianne Beucherts Symbolik der Pflanzen zeigt, dass die alten Griechen ihr bereits einige Attribute anhefteten. Cydonia oblonga verdankt ihren Namen botanisch-wissenschaftlich, wie auch in unserem Sprachgebrauch, der griechischen Stadt Kydonia – heute Chania – im Nordwesten der Insel Kreta. Die „Kydonischen Äpfel“ verkörperten damals mitunter Freuden und Fruchtbarkeit, aber auch Schwierigkeiten in der Liebe. Expliziter fand man: „die Früchte hätten einen wundervollen Wohlgeruch und einen süßen, lieblichen Geschmack, aber mit einer sehr herben, bitteren Beimischung. Auch etwas Zusammenziehendes sei ihnen zu eigen. Alles in allem ein Vorgeschmack der Leiden und Freuden der Ehe.“

Heute spricht man ihr vor allem viele Vitamine und Spurenelemente zu. Ernährungsbewusste Gärtner_innen horchen an dieser Stelle natürlich auf, so gilt ihr Verzehr als Naturheilmittel gegen Magenverstimmungen, Nervosität und zur Senkung des Cholesterinspiegels. Jana Rückert-John trägt die Argumente für ein achtsames Gesundheitsverhalten wie folgt zusammen: „Konsumenten mit einem gesundheitsbewussten Ernährungsstil achten deshalb auf eine fett- und fleischreduzierte Ernährung; sie orientieren sich an einer gesunden, ausgeglichenen Ernährung, die die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit sowie das Wohlbefinden fördert.“ Obst und Gemüse stellen demnach die Basis einer gesunden Ernährung dar und gerade „alte“ Sorten liefern wichtige Inhaltsstoffe und Vitamine. Es liegt nahe, dass Vertreter dieses Gesundheitstrends möglichst unbehandelte und frische Kost präferieren. Dies macht verständlich, dass der eigene Garten wieder als Herkunftsort der eigenen Nahrungsmittel betrachtet, gestaltet und letztendlich auch genutzt wird. Frisch vom Baum gepflückt ist die Quitte jedoch leider ungenießbar. Verarbeiten und schmecken lässt sie sich aber gerne zu klassischem Gelee, zu altbackenem Kompott oder zu mondänem Chutney. Aufwendig eingekocht und in ein hübsches Gefäß gefüllt – fertig ist das ideale Geschenk für die Schwiegermutter, den Arbeitskollegen oder jemand anderen, den man schon immer beeindrucken wollte. Das Aushängeschild „selbstgemacht“ legitimiert dabei längere Zubereitungsweisen. Dies zeigt einen weiteren zeitgenössischen Trend auf, der den Akt des Verarbeitens zelebriert und sich neben aufwendiger Garten- auch aufwendiger Küchenarbeit annimmt. Es ist somit wenig verwunderlich, dass die gelbe Frucht in aktuellen Koch- und Backzeitschriften vermehrt auftaucht und wieder etwas präsenter im Bewusstsein der Menschen erblüht. So ein kleiner Aufruf an alle Obstbaumliebhaber_innen, ob liebestrunken oder appetitgesteuert – jetzt in sich zu gehen und zu sinnieren, ob sich der gute alte Quittenbaum in ihrem Gartendomizil nicht doch gut machen würde.

Quellen:

Beuchert, Marianne: Symbolik der Pflanzen. 5. Aufl. Frankfurt am Main 2014

Reiter, Wolfgang/Hanni Rützler: Vorwärts zum Ursprung. Gesellschaftliche Megatrends und ihre Auswirkungen auf eine Veränderung unserer Esskulturen. In: Gunther Hirschfelder/Angelika Ploeger/Gesa Schönberger (Hrsg,): Die Zukunft auf dem Tisch. Analysen, Trends und Perspektiven der Ernährung von morgen. Wiesbaden 2011, S. 77-88

Rückert-John, Jana: Zukunftsfähigkeit der Ernährung außer Haus. In: Karl-Michael Brumer/Gesa Schönberger (Hrsg.): Nachhaltigkeit und Ernährung. Produktion – Handel – Konsum. Frankfurt/Main 2005, S. 240-262

von Denis Okatan

Lesen Sie hier die Version mit Fußnoten


Gehe direkt zu

A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z

Advertisements