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Schnecke

[die]; (lat. Gastropoda)

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Für Gärtner_innen sind Schnecken einer der größten Schrecken – zumindest wenn es sich um Arion vulgaris, eine fälschlicherweise als Spanische Wegschnecke bezeichnete Nackt-schneckenart aus Frankreich, handelt. Als blinder Passagier von importiertem Obst und Gemüse macht diese Schnecke seit den 1970er Jahren auch die deutschen Gärten unsicher. Dabei handelt es sich jedoch nur um eine aus tausenden Schneckenarten, die nackt oder mit Haus an Land und im Wasser leben. Landschnecken mit Haus haben zumeist ein positives kulturelles Ansehen, stehen in Märchen und Sprüchen zwar für Langsamkeit, damit aber auch für Gelassenheit und Beharrlichkeit. Die Figuren Finchen aus der Sesamstrasse, die Steinbeck-Schnecke Antonella oder die Gartenschnecke Theo aus dem Kinderfilm Turbo werden zudem allesamt niedlich dargestellt.

Nacktschnecken dagegen begegnet man bestenfalls mit Schneckentod oder Ätzkalk, wie das praktische Gartenbuch von 1961 seinen Leser_innen direkt zu Beginn des Artikels über Schnecken rät, um dann fortzufahren: „Am wirksamsten ist es, bei Tau oder nach Regen, wenn die Schnecken wandern, sie mit einer Schere zu zerschneiden, wobei die ekle Arbeit des Einsammelns fortfällt“.

Unser in diesem Fall ambivalentes Verhältnis lässt sich emotional begründen. Wie das Zitat bereits andeutet, empfinden wir die Nacktschnecke als eklig und vermeiden jede Berührung tunlichst. Ekel als Emotion ist kulturell geprägt, bezieht sich im Fall der Nacktschnecke auf ihre nacktes, schleimiges und unförmiges Äußeres. Schleim ist eine undefinierbare Substanz und der erste affektiv empfundene Ekel dient als Schutzfunktion: „Die Ekelempfindung stellt eine unmissverständliche Bewertung dieser tatsächlichen oder in Aussicht stehenden Kontaktsituationen dar und warnt somit vor Dingen, die giftig oder für die Gesundheit schädlich oder bedrohlich sein könnten.“ Doch der Ekel beeinflusst uns nicht nur in der direkten Konfrontation – auch der Gedanke daran z.B. Schnecken, auch mit Haus, zu verzehren, löst bei vielen Menschen ein „Igittigitt“-Gefühl aus. Auf Schnecken liegt in unserem Kulturkreis zwar kein Nahrungstabu, allerdings gehören sie auch nicht zu den alltäglichen Speisen. In einigen Regional- und Saisonküchen dagegen sind Schnecken eine Spezialität, wie z.B. in Wien, in der Bretagne und der Normandie. Da die Esskultur als soziales Totalphänomen stark von symbolischen Zuschreibungen und Geschmacksprägungen bestimmt ist, spielen diese beim Verzehr oder Nicht-Verzehr von Schnecken und von Nacktschnecken im Speziellen sicherlich eine Rolle, denn wie das Sprichwort sagt: „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht“.

Ein weiterer Grund, der tatsächlich gegen den Verzehr von spanischen Wegschnecken spricht und diese aus dem potentiellen Nahrungsmittelrepertoire ausselektiert, ist der wohl bittere Geschmack ihres zähen Schleims, der oft selbst Igeln, Vögeln und Maulwürfen den Appetit verdirbt und vor dem nur indische Laufenten nicht zurückschrecken. Durch den Einsatz von natürlichen Fressfeinden kommt man um das im Gartenbuch empfohlene brachiale Zerschneiden oder die Chemiekeule, die im Übrigen auch die nicht schädlichen Schneckenarten tötet, herum.

Für die, die keine Enten halten oder mieten wollen, stellt der Schneckenzaun eine Alternative dar. Dieser zählt zu den mechanischen Bekämpfungsmethoden und man versteht darunter einen Zaun aus Metall oder Plastik, der rund um den zu schützenden Bereich ca. 15cm unterirdisch und 10cm oberirdisch verläuft. Durch eine überhängende Kante kann er von den Schnecken nicht überwunden werden. Die Idee, eine unüberwindliche Barrikade zu errichten, kommt auch bei Kupferbändern, Muschelmulch, Schafwoll-Vlies oder einem mit dem Schneckenschleim reagierenden Schutzanstrich zum Einsatz.

Auch wenn bei uns zumeist nur Schnecken mit Haus herzlich willkommen sind, sollte man es wie die Schneckenforscherin Estée Bochud gelassen sehen und Schnecken als Teil des Gärtner_innenlebens akzeptieren, „denn ein bisschen Schwund gehört einfach dazu“. Und Jana Drews merkt in ihrem Betrag über das unterschätzte Tier in der ZEIT an, dass man ja immer noch Lavendel, Salbei oder Vergissmeinnicht anpflanzen könne, denn „so ein duftender Kräutergarten ist für Schnecken so eklig wie ihr Schleim für viele Menschen“.

Quellen:

Bies, Werner: Schnecke. In: Enzyklopädie des Märchens. Berlin/New York 2007, Sp. 122-126

Drews, Jana: Freiheit für die Wegschnecke, weg mit dem Salat! In: Zeit online, 08.11.2011. Online unter: http://www.zeit.de/wissen/umwelt/2011-10/unterschaetztes-tier-wegschnecke (zuletzt abgerufen am 01.07.2016)

Heimerdinger, Timo: Igitt. Ekel als Kultur – zur Einführung. In: bricolage, Bd. 8, 2015, S. 9-26

Koehler, Horst: Das praktische Gartenbuch. Gütersloh 1961

Landwirtschaftskammer Niedersachsen: Merkblatt Hinweis zur Schneckenbekämpfung für den Haus- und Kleingarten (pdf-Datei Stand Jan. 2015). Online unter: http://www.lwk-niedersachsen.de/index.cfm/portal/2/nav/510/article/18969.html (zuletzt abgerufen am 25.03.2016)

Nordsieck, Robert: Die lebende Welt der Weichtiere (Texte 1999-2011). Online unter: http://www.weichtiere.at/Schnecken/ (zuletzt abgerufen am 01.07.2016)

Siebeck, Wolfram: Gutes Lesefutter. Wolfram Siebeck durchblättert neue Kochbücher – und empfiehlt einige, die nicht von Fernsehköchen geschrieben wurden. In: Die ZEIT, Nr. 50, 2005. Online unter: http://www.zeit.de/2005/50/Siebeck_2fKolumne_Kochb_9fcher/komplettansicht (zuletzt abgerufen am 01.07.2016)

Tolksdorf, Ulrich: Nahrungsforschung. In: Rolf W. Brednich (Hrsg.): Grundriß der Volkskunde. Einführung in die Forschungsfelder der Europäischen Ethnologie. Berlin 2001, S. 239-254

Wettlauf um den Salat: In: kraut&rüben April 2016, S. 32-35

von Andrea Graf

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Schubkarre

Dieses nützliche Gerät dient als Hilfsmittel für den Transport von Schüttgütern oder anderen Lasten. Bei der Gartenarbeit kann es äußerst förderlich sein: zum Transportieren von Laub, Erde, Rasenschnitt, Heu, Obst oder Gemüse. Und wer hat’s erfunden?

Nein, nicht Ricola und auch kein anderer Schweizer. Die Griechen, na klar. Und das schon im 5. Jahrhundert vor Christus. Knapp 600 Jahre später, im 2. Jahrhundert nach Christus, wurden im Kaiserreich China zweirädrige Schubkarren zum Transport von Verletzten benutzt. Im mittelalterlichen Europa tauchte das Gefährt erst zwischen 1170 und 1250 auf und blieb bis ins 15. Jahrhundert hinein relativ selten. Heutzutage werden Schubkarren meistens im Baugewerbe und im heimischen Garten eingesetzt.

Typische Werte für eine moderne Schubkarre aus Stahlblech der Firma Hof-Welt:

  • Traglast: 220-350 kg
  • Volumen: 80-215 l
  • Größe der Mulde (B x L): 850 mm x 1500 mm

Aufgrund der Stabilität und Größe der modernen Schubkarre wird sie auch häufig als Gefährt zur Kinderbelustigung im Garten verwendet. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es immer wieder zu durch Freude bedingten innerlichen Saltos geführt hat, wenn Oma oder Opa sagten: „Na komm, wir fahren eine Runde!“.

Die Schubkarre zählt demnach zu den Transportmitteln, sie ist ein Gerät, das die Arbeit erleichtern soll. Die Dokumentation von bäuerlichen und handwerklichen Arbeitsgeräten und deren Innovationen und Diffusion kann Aufschlüsse über die Lebens- und Alltagswelten der Akteur_innen geben.

Diese Geräteforschung ist ein klassisches volkskundliches Forschungsfeld, welches besonders in Museen lange Zeit von großer Bedeutung war, um Arbeitsprozesse im Wandel der Zeit darzustellen. Wann und wie wurden bestimmte Arbeitsgeräte eingesetzt? Welche historischen Entwicklungen und Modernisierungen sind festzustellen und welche Rückschlüsse können damit auf das Leben der Akteur_innen gezogen werden?

Dass sich die Verwendungsweise und Bedeutungszuschreibung von Geräten wie der Schubkarre durch die Handlungen von Menschen ändern kann, zeigt zum Beispiel die Weltmeisterschaft im Schubkarrenrennen, die alljährlich in Bischofswerda (Sachsen) stattfindet. Hier wird die Schubkarre, im Oberlausitzer Dialekt „Schiebock“ genannt, nicht mehr als Arbeitsgerät genutzt sondern für den Freizeitspaß umfunktioniert. Sie fungiert hier zudem als Namensgeber für ein großes Stadtfest, die Schiebocker Tage.

Ob diese Disziplin wohl schon damals in Griechenland olympisch war?!

Quellen:

Bockhorn, Olaf: Volkskundliche Geräteforschung heute. In: Hartmut Prasch (Hrsg.): Geräteforschung. Jahrbuch für Volkskunde und Museologie des Bezirksheimatmuseums Spittal/Drau. 2. Jahrgang (1988), S. 13-38

Internetpräsenz des Versandhandels Hof-Welt, Transportgeräte für Stall & Hof, Reitsport & Landwirtschaft. Online unter: http://www.hof-welt.de/index.php (zuletzt abgerufen am 29.06.2016)

Internetportal „Informationen rund um die Schubkarre“. Online unter: http://www.schubkarre.org/ (zuletzt abgerufen am 29.06.2016)

Internetpräsenz des Wochenkuriers: Artikel „Stadtfest in Bischofswerda – Schiebock-Weltmeisterschaft ist der Höhepunkt“. Online unter: http://www.wochenkurier.info/sachsen/bautzen/bischofswerda/artikel/stadtfest-in-bischofswerda-schiebock-weltmeisterschaft-ist-der-hoehepunkt-17603/ (zuletzt abgerufen am 29.06.2016)

Lewis, M.: The Origins of the Wheelbarrow. In: Technology and Culture, Bd. 35, Nr. 3 (Juli 1994), S. 453-475

Siuts, Hinrich: Volkskundliche Kommission des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe. Aufstellung bäuerlicher und handwerklicher Arbeitsgeräte. In: Wilhelm Hansen (Hrsg.): Arbeit und Gerät in volkskundlicher Dokumentation. Münster 1969, S. 123-130

Siuts, Hinrich: Geräteforschung. In: Rolf. W. Brednich (Hg.): Grundriß der Volkskunde. Einführung in die Forschungsfelder der Europäischen Ethnologie. Berlin 2001, S. 155-170

von Giulia Fanton

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Selbstversorgung/Subsistenzwirtschaft

Selbstversorgung bezieht sich auf den Konsumprozess, der für die eigene Versorgung mit Lebensmitteln, welche nicht käuflich erworben werden, steht. War es noch im 20. Jahrhundert gang und gäbe sich größtenteils selbst zu versorgen, betreiben heutzutage weitaus weniger Personen einen Garten, der der eigenen Ernährung dient. Jedoch ist eine Tendenz zu beobachten, die regionale und biologisch einwandfreie Produkte in den Fokus rückt und somit auch die Selbstversorgung wieder en vogue wird. Nicht als unbedingte Notwendigkeit – im Prinzip sind alle gewünschten Produkte mittlerweile nahezu rund um die Uhr im Supermarkt verfügbar – sondern als Lifestyle, dem bewusste Ernährung aber auch beispielsweise politische Partizipation, zum Beispiel in Form von Urban Gardening, zu Grunde liegen. Als Selbstversorgung wird somit eine Lebensweise bezeichnet, in der sich die betreffende Person oder die Familie, im Prinzip eine ökonomische Gemeinschaft, im wahrsten Sinne des Wortes mit Hilfe eines zu bewirtschaftenden Gartens selbst versorgt: Bestimmte Artikel, Waren oder Güter werden eigenständig erzeugt beziehungsweise produziert. Selbstversorgende Menschen sind somit in der Regel Gärtner_innen, die beispielsweise in einem Kleingarten oder einem Gemeinschaftsgarten Produkte produzieren, die ihre Ernährung gewährleisten. Ein Hinzukaufen weiterer Produkte ist im besten Fall nicht notwendig beziehungsweise löst die begriffliche Zuordnung der Selbstversorgung in Richtung (Teil-)Selbstversorgung auf. Auch ist es möglich Subsistenzwirtschaft gemeinschaftlich zu betreiben, sodass ein Anbau aller benötigten Produkte durch eine Person überflüssig wird und die verschiedenen Produkte durch Tauschhandel erworben werden können.

Quellen:

Müller, Christa: Urban Gardening. Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt. 5. Aufl. München 2012

Pfaffen, Edwin/Ineichen, Andreas: Subsistenzwirtschaft. In: Historisches Lexikon der Schweiz online unter: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D13835.php

von Corinna Schirmer

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