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Window Gardening

„Do it yourself: Gemüse, Salat und Kräuter schmecken aus dem Garten am allerbesten, wagen Sie sich selber an die Pflanzenzucht! Das Leben in der Stadt ist längst keine Ausrede mehr. Designer auf der ganzen Welt beschäftigen sich mit dem Thema Window Gardening und entwickeln kreative Produkte, die es uns ermöglichen, Gemüse und Kräuter auf engstem Raum selber anzubauen. Betonwüste adé!“

Mit diesen Zeilen wirbt ein Online-Anbieter für sein Window-Gardening-Equipment. Neben futuristischen Küchenscheren und eleganten Kräutertöpfen aus Edelstahl oder Keramik können sich Heimgärtner_innen sogar mit Gewächshäuschen in Miniaturgrößen eindecken. Die Idee dahinter: Auch pflanzenbegeisterte Städter_innen sollen die Möglichkeit haben, in ihren modernen Ein-Zimmer-Appartements ohne Garten ihr eigenes Obst und Gemüse zu züchten. Die Lieblingspflanzen zieht man dabei platzsparend vertikal; sie werden durch Schnüre gehalten und lassen sich ideal an die jeweilige Fensterhöhe anpassen. Vertical Flowerpots und andere hochwertige Gerätschaften lassen sich prima in Fenster- und damit in Sonnenlichtnähe anbringen – und machen dabei auch noch optisch etwas her.

Bezeichnend für unsere Zeit, in der neben klassischem Gärtnern in pragmatischer Gummistiefel-Montur nun auch der sogenannte Urban Hipster im Büro mit seinem eigens gezogenen Wildkräutersalat um die Bewunderung seiner Kollegen buhlen kann. Das Verhältnis von Natur und Stadt wird auf diese Art und Weise neu verhandelt, indem man es nicht mehr voneinander abgrenzt, sondern vereint. Und das auf der eigenen Fensterbank. Cordula Kropp verweist auf den kreativen Aspekt dieser neuen Schaffensprozesse: „Ihre Do-it-yourself-Mentalität erinnert an die Kulturtechnik der Bricolage, der Bastelei, die Dinge in einen neuen Kontext stellt, der nicht länger den ursprünglichen Normativen entspricht.“

Neben dieser neuen Form und Funktion des Gärtnerns wird dabei der private urbane Raum erweitert, der eine Parallele zur öffentlichen Raumaneignung des Urban Gardenings aufzeigt. Die Intentionen dahinter können vielfältig sein: der Ausgleich zum stressigen Alltag durch Erholung und Spaß am „grünen“ Hobby oder aber auch der Ansporn ökologisch verantwortungsbewusst zu leben, indem man seine Lebensmittel aus Gründen der Nachhaltigkeit selbst bezieht. Window Gardening – das als Unterkategorie des Urban Gardenings verortet werden kann – mag ebenfalls manchmal politisch motiviert sein, indem man mit der Abhängigkeit bezüglich der Lebensmittelzufuhr durch Großkonzerne bricht und die Dinge einfach mal selbst in die Hand bzw. aus der Erde nimmt.

Quellen:

https://www.connox.de/connox-produktwelt/window-gardening.html. (zuletzt abgerufen am 24.06.2016)

Hopkins, Rob: Einfach. Jetzt. Machen! Wie wir unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen. München 2014

Kropp, Cordula: Gärtner(n) ohne Grenzen: Eine neue Politik des „Sowohl-als-auch“ urbaner Gärten? In: Christa Müller (Hrsg.): Urban Gardening. Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt. München 2012, S. 76-87

Müller, Christa: Die grüne Revolte. Warum Gärtnern in der Stadt politisch ist. Aus: Blätter für die deutsche und internationale Politik. Heft 8/2012

von Denis Okatan

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