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Yggdrasil

Als Weltenbaum der nordisch-germanischen Mythologie verkörpert die Esche Yggdrasil die Gesamtheit der Schöpfung. Dabei verbindet sie die Götterwelten in ihrer Krone über die irdischen Welten in ihrem Stamm mit den Unterwelten an ihren Wurzeln. Yggdrasil spiegelt dabei die meisten Belange des Lebens wider und hat auch ein eigenes, sie kontrollierendes System. Beispielsweise wandert ein Eichhörnchen als Götterbote zwischen den Welten umher und zwei Hirsche fressen beständig die aufkeimenden Sprösslinge ab, um eine Ausbreitung der Schöpfung zu verhindern, während die Nornen immer wieder heiliges Wasser auf die Wurzeln sprengen, was Yggdrasil in ihrer Gesamtheit auch zum Sinnbild für die Kultivierung der Natur in Form von Äckern und Gärten macht. Nicht zuletzt auch Odins eigene Erhängung an den Ästen Yggdrasils zum Zwecke der Erkenntnisgewinnung macht den Weltenbaum ebenso zum Opferbaum wie auch zum Versammlungsort für den Thing, bei welchem die wichtigsten Entscheidungen der alten Germanen getroffen wurden. Zur Etymologie Yggdrasils gibt es verschiedene Deutungen, wobei die erste Silbe aber stets mit Schrecken übersetzt wird. Dahingegen streiten sich die Gelehrten über die Bedeutung des zweiten Namensteils, welcher sowohl eine Herleitung von Pferd, als auch von Säule zulässt.

Ähnlich bedeutungsvolle Bäume gibt es besonders auch auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik mit der Irminsul („große Säule“) oder der Donarseiche. In anderen Glaubenssystemen nimmt der Baum ebenfalls immer wieder auch eine metaphysische Position ein, wie zum Beispiel beim Baum der Erkenntnis aus der Bibel. Vor allem durch letzteren entwickelten sich Bäume auch in der Gartengestaltung zu prestigeträchtigen Elementen, wenn beispielsweise ein Obstbaum zum Herzstück des Gartens gemacht wurde. Eher mit einem Bezug auf die germanischen Traditionen fungieren Bäume gern auch als Einfriedung von Gartenanlagen jeglicher Art, vermitteln sie doch die Sicherheit und Abgeschiedenheit der germanischen Urwälder. So ist der Baum zugleich Zier, Schutz, Symbol und Lieferant von Nahrung und Baumaterial. „Kein anderes Geschöpf ist mit dem Geschick der Menschheit so vielfältig, so eng verknüpft, wie der Baum.“

Quellen:

Demandt, Alexander: Über allen Wipfeln. Der Baum in der Kulturgeschichte. Köln 2002

MacCulloch, John Arnott: Eddic. In: Ders.: The Mythology Of All Races. New York 1964

Schjødt, Jens Peter: Art. Weltenbaum. In: Heinrich Beck/Dieter Geuenich/Heiko Steuer (Hrsg.): Reallexikon der germanischen Altertumskunde, Bd. 23. 2., völlig neu bearbeitete und stark erweiterte Aufl. Berlin/New York 2006

Simek, Rudolf: Lexikon der germanischen Mythologie. 3. Aufl. Stuttgart 2006

Walter, Mariko Namba/Eva Jane Neumann Fridman (Hrsg.): Shamanism. An Encyclopedia of World Beliefs. Santa Barbara, CA 2004

von Korbinian de Lappé

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